Donnerstag, 24. Oktober 2019

Ein Kübel und ich - Viele Überraschungen

Sophie, Studentin der Restauration und Konservierung an der Universität für angewandte Kunst, berichtet weiter über ihre Arbeiten an einem der Sensationsfunde der diesjährigen Grabungskampagne im Salzbergwerk von Hallstatt. (Anm. der Redaktion)
Der Arbeitsplatz ist eingerichtet - es
kann losgehen!
(Bild: S. Krachler - NHM Wien)
Bevor mit dem Kübel irgendetwas weiteres passieren konnte, stand die DNA Beprobung an. Diese wurde von den eingeschulten Kollegen Daniel Brandner und Fiona Poppenwimmer mittels steriler Tupfer und forensischer Klebestreifen durchgeführt.
Nun konnte meine Arbeit beginnen. Zuerst wurde eine genaue Fotodokumentation des Eingangszustandes gemacht. Mein Kollege Christian Fasching machte Fotoaufnahmen für ein dreidimensionales structure-from-motion-Modell, ich nahm einige Detailfotos und beschrieb den Zustand des Kübels schriftlich.
Als die Dokumentation des Vorzustandes fertig war, begann ich mit der Freilegung des ersten Viertels des Kübels. An der gebrochenen Stelle war er gute sechs Zentimeter geöffnet. Dort fing ich an das verfüllende Erdmaterial mit einer Federkelle Schicht für Schicht herauszustechen. 

All das abgetragene Material wurde in einer kleinen separaten Box gesammelt und beschriftet. Es sollte später in einem Wasserbad gewaschen und auf seine Zusammensetzung untersucht werden.
Im Profil wird klar: nur der halbe Boden
des Holzkübels ist noch vorhanden.
(Bild: S. Krachler - NHM Wien)
Als ich Kübelboden und -wänden näher kam, wechselte ich das Werkzeug. Ich bediente mich einer kleinen Spachtel aus Holz und Zahnstochern. So konnte ich vermeiden das Holz des Kübels zu beschädigen, sollte ich beim Abtragen der Erde mit dem Holz in Berührung kommen.
Wenn mir lose Holzfasern oder andere, sich von Lehm oder Erdrückständen abhebende, Fragmente entgegenkamen, entnahm ich sie mit einer Pinzette und legte sie ebenfalls in kleine, separat, verschliessbare Dosen dem anderen Erdmaterial bei. 

Alles was weitere Informationen über den Gebrauch des Kübels geben könnte, wurde also separat aufgehoben. Als das erste Viertel aus dem Kübel herausgenommen war, wurden Fotos von dem entstandenen Schichtprofil gemacht.
In dieser Manier - freilegen, Erdmaterial sichern und Schichtprofil dokumentieren - verfuhr ich bis der Kübel leer war. Im Laufe der Freilegung musste ich mit Erstaunen feststellen, dass sich in dem Kübel nur der halbe Boden befand.

Aus sich der Restauratorin: unter der
Lupenlampe wird der Kübel vorsichtig
von den letzten Erdresten befreit.
(Bild: S. Krachler - NHM Wien)
Die Beprobung des Kübelbodens auf Metallrückstände fand trotzdem statt. Dazu wurden vier kleine Holzfasern und ein wenig Erdmaterial, das direkt mit dem Boden in Berührung gewesen war, entnommen. Diese sollen noch genauer untersucht werden.
Sobald der Kübel leer war, wurde er in ein Wasserbad gelegt um ihn zu entsalzen. Das Wasserbad wurde regelmässig gewechselt und die Oberfläche des Kübels mit Pinseln von den letzten Resten des Erdreiches befreit. Dabei kam noch etwas Erstaunliches zutage. Eine Markierung! Die aus drei waagerechten und einer diagonal verlaufenden Kerbe bestehende Markierung war vom Lehm und Dreck verfüllt gewesen und deshalb nicht schon früher sichtbar.
Wir sind gespannt, was der Kübel uns noch alles an Information preisgeben wird!
von Sophie Krachler
Eine Markierung an der Wand des Holzkübels aus Hallstatt gibt den Archäologen Rätsel auf.
(Bild: S. Krachler - NHM Wien)


Dienstag, 8. Oktober 2019

Ein Kübel und ich - Untersuchung eines besonderen Fundes

Hallo, darf ich mich kurz vorstellen? Mein Name ist Sophie. Ich komme aus Niederösterreich und studiere Konservierung und Restaurierung an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Der Schwerpunkt meines Studiums liegt im Erhalt von Kunst- und Kulturschätzen des privaten und öffentlichen Raumes. Ich habe mich bisher mit Materialien wie Holz, Glas, Metall und Keramik auseinandergesetzt, möchte mich nun aber auf organische Materialien spezialisieren und habe außerdem ein großes Interesse am Fachbereich für „Human Remains“, also menschliche Überreste im musealen Kontext. 


Auf die Ausgrabung in Hallstatt bin ich über Hans Reschreiter gekommen. Ich hatte, auf der Suche nach einem Praktikum mit Schwerpunkt auf organische Materialien, einfach eine E-Mail an ihn geschrieben. Er lud mich zu einem ersten klärenden Gespräch ins Naturhistorische Museum ein und schnell war klar, dass ich das richtige Praktikum für den Sommer gefunden hatte. 

Mit Sediment verfüllt und aus dem Betriebsabfall der Bronzezeit
geborgen, ist die Einzigartigkeit dieses Fundes noch schwer zu
glauben. (Bild: S. Krachler - NHM Wien)
Meine erste Woche hier in Hallstatt war vorüber und ich hatte mir schon einen ersten Überblick über die Arbeitsprozesse hier oben verschaffen können, als eines Abends die Kollegen und Kolleginnen mit erstaunlichen Neuigkeiten von ihrer Schicht im Berg zurückkamen. Sie hatten einen unglaublichen Fund gemacht: einen Kübel! Angesteckt von der alles einnehmenden Euphorie zog es mich auch zu dem neuen Fund - ich wollte wissen, wieso alle so begeistert waren. 

Als sich die ganze Crew in der Fundverwaltung eingefunden hatte, fing Hans an zu erklären: dies sei zwar „schon“ der fünfte Kübel, aber der erste seit sechs Jahren! Außerdem war er beinah doppelt so groß wie alle bisher gefundenen. Natürlich hatte ich schon über so spektakuläre Funde gelesen, aber nun hautnah an einem frischen Fund dran zu sein, war nochmal ein ganzes Stück spannender. 

Der Trageriemen könnte, eingebettet in feines Sediment, die
DNA seines letzten Trägers oder Trägerin konserviert haben.
(Bild: S. Krachler - NHM Wien)
Beim Abendessen wurden die weiteren Schritte besprochen: Klar war, dass von dem Trageriemen eine DNA Probe genommen werden sollte. Man erhofft sich, die DNA des letzten Kübelträgers, oder -trägerin zu finden. Denn Erbgutinformationen wie Alter und Geschlecht eines Menschen, die man in der DNA finden kann, sind essenziell, um die Zusammensetzung und das Leben der prähistorischen Bergbaugesellschaft besser verstehen zu können. 

In weiterer Folge sollte der Kübel freigelegt werden. Der Kübelboden sollte auf Abnutzungsspuren durch bronzenen Pickelspitzen und eventuelle Rückstände derselben untersucht werden und schlussendlich musste der gesamte Kübel entsalzt werden, um noch länger erhalten zu bleiben. An dem selben Abend wurde mir offenbart, dass man mich mit der Freilegung und Dokumentation des Kübels betrauen wollte. 

Ich freute mich ungemein, mit so einer einzigartigen Arbeit beauftragt zu werden! Wie ich den Kübel und die in ihm verborgene Information konserviert habe, erzähle ich etwas ausführlicher im nächsten Beitrag.
von Sophie Krachler 

Der Boden des Kübels weist Abnutzungen auf, die vermutlich vom Hineinstellen der darin transportierten, bronzenen Pickelspitzen stammen. Nun werden Proben genommen, die metallurgisch untersucht werden sollen. (Bild: S. Krachler - NHM Wien)

Donnerstag, 26. September 2019

Bronzezeit-Mikado - Neues aus dem Westend

Situation im Westend zu Grabungsstart 2019 im
Salzberg von Hallstatt. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Wie bereits im letzten Jahr berichtet wurde, konnten im "Westend" genannten Vortrieb etliche prähistorische Grubenhölzer entdeckt werden. Da aber nach wie vor unklar war, zu welchem Zweck die Hölzer in den Berg gebracht wurden, sollten in diesem Jahr genauere Untersuchungen dazu erfolgen. 

Bei Ausgrabungen im Hallstätter Salzbergwerk hat man aufgrund der Vortriebsweise - schmale, enge Stollen - nur selten die Chance auf die Bergung vollständiger Hölzer. Genau das ist hier nun möglich. Nicht zuletzt deshalb stellt das Westend eine Besonderheit dar. 

Die vollständig erhaltene Kratze in originaler Fundlage.
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Wir entschieden uns zu einer schrittweisen Abtragung der fundführenden Schicht aus Heidengebirge auf das Niveau der jeweiligen Holzlagen. Dabei kamen besonders gut erhaltene Werkzeuge der bronzezeitlichen Bergleute zum Vorschein. Neben einer fast ganz erhaltenen Knieholzschäftung zählte eine vollständige Kratze zu den spektakulärsten Funden.

Nach der Dokumentation mit der structure-from-motion-Methode, mit der wir ein dreidimensionales Modell des Vortriebs, aber daraus auch entzerrte Ansichten der Situation erhalten, konnten wir die Dimension und Lage der Hölzer auf dem Plan vervollständigen. Stets darauf bedacht, die Reihenfolge der Bergung genau zu dokumentieren, konnten wir mit dem schrittweisen Abbau beginnen.

Roman beim Zeichnen des Lageplans der Grubenhölzer.
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Um die Hölzer entfernen zu können, müssen die von den prähistorischen Bergleuten zuletzt „abgelegten“ Hölzer zuerst entnommen werden, da diese demnach heutzutage ganz oben liegen. 

Und genau da begann die Herausforderung: Weil die Hölzer unregelmäßig abgelagert wurden und da der Berg im Laufe der Zeit viele davon stark gestaucht hat, sieht man sich zwangsweise mit einer Art Bronzezeit-Mikado konfrontiert. Dann gilt es zu klären, welches Holz über dem anderen liegt und welches davon zuerst entnommen werden kann.

Ausfördern einiger Hölzer auf dem Grubenhunt.
Ab auf die Waschanlage!
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Die Hölzer an sich sind unterschiedlich gestaltet. Es sind sowohl „größere“ Durchmesser von bis zu 20 cm, als auch kleinere mit 4 bis 5 cm vorhanden. Viele der Hölzer zeigen nur geringfügige Bearbeitungsspuren wie grobe Zurichtungen oder sind mit Ausnahme der Entastung ansonsten unbearbeitet. 

Da eine Begutachtung der Hölzer im Berg nur begrenzt möglich ist, entschieden wir uns für das Ausfördern der Stämme zu unserer Fundverwaltung. Im eigens dafür errichteten Entsalzungsbecken werden die Hölzer von anhaftendem Schlamm und in ihnen gelöstem Salz befreit. 

Sobald die vielen Hölzer - es sind mittlerweile an die 50 Stück - fertig entsalzen sind, können wir hoffentlich genauere Aussagen zum Verwendungszweck treffen.

von Roman Lamprecht


Dienstag, 24. September 2019

Weiter geht's! Grabungskampagne 2019

Schon Ende der Grabung 2018 war das
Profil des Nordvortriebs beeindruckend
und informativ. 2019 wird es nun erweitert.
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Neben all der Experimente, Öffentlichkeits- und Projektarbeit geht natürlich auch die Ausgrabung im Salzberg von Hallstatt dieses Jahr weiter. 

Nach wie vor forschen wir an der bronzezeitlichen Fundstelle Christian-von-Tusch-Werk. Wir kennen die ungefähre Größe der Abbaukammer, wissen, wo sich die Schächte in die darüber- und die darunterliegende Abbaukammer befinden und können die zahlreichen Funde aus Holz datieren. 

Doch immer noch gibt es sehr, sehr viele ungeklärte Fragen. Anhand des in Schichten abgelagerten Heidengebirge vermuten wir, dass sich in der Bronzezeit mehrere Baue an dieser Fundstelle geschnitten haben. Um zu verstehen wo, wie und warum, arbeiten wir auch dieses Jahr daran das Querprofil durch die Abbaukammer im Nordvortrieb zu erweitern. Außerdem setzen wir den schichtweisen Abbau des Heidengebirges im "Westend" fort, in dem zahlreiche lange Hölzer abgelagert wurden. Ob dies intentionell und zu einem bestimmten Zweck, nach und nach oder beim Eindringen des Tagmaterials, dass diesen Bergbau unterbrach geschah, gilt es zu klären.


Eines kann ich auf jeden Fall schon verraten: auch dieses Jahr wird weder die archäologische Interpretation noch die Bearbeitung von Fundmaterial zu kurz kommen!
von Fiona Poppenwimmer

Die 2018 freigelegten Hölzer und das umliegende Heidengebirge werden dieses Jahr flächig abgetragen um ihre Funktion zu klären. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)

Montag, 9. September 2019

Ahoi! Der Stapellauf am Hallstätter See


Die Bootsbauer Hans Reschreiter und Jonas
Armbruster lassen ihr Werk zu Wasser.
(Bild: M. Grabner - NHM Wien)
Nachdem wir den ersten Testlauf im Fellboot erfolgreich absolviert hatten, ging es nochmal an den Feinschliff. Die ausgesteifte Kuhhaut stand an manchen Stellen zu sehr über und war darüber hinaus noch gar nicht mit dem Weidengestell verbunden. Ich machte mich also daran die Haut auf Rahmenhöhe runterzuschneiden und flickte die letzten kleinen Löcher mit dem Gemisch aus Fichtenharz und Bienenwachs. 

Für eine Kurzdokumentation der BOKU Wien
wurde der Herstellungsprozess gefilmt.
(Bild: M. Grabner - NHM Wien)
Am Morgen des 24. August war es dann soweit. Das Fellboot wurde aus dem Salzberghochtal an den Hallstätter See verfrachtet. Dort haben wir am Ufer die Haut und das Gestell mittels Pferdehautriemen verbunden und das Boot vor laufender Kamera fertiggestellt. 

Auch das Kamerateam des ORF verfolgt den
Stapellauf gespannt. (Bild: M.Grabner - NHM Wien)
Es waren im Übrigen gleich zwei Kamerateams mit dabei: Sebastian Nemestothy von der Universität für Bodenkultur, der den Bau des Bootes von Beginn an dokumentiert hat und dessen Kurzdokumentation bald auf den Youtube-Kanälen der BOKU sowie des NHM Wien zu sehen sein wird. 

Das zweite Filmteam drehte im Rahmen eines Dokumentationsfilms über das Naturhistorische Museum Wien drei Tage lang bei uns am Salzberg. Die Doku läuft demnächst auf ORF und 3Sat. 

Also Ahoi! Und raus auf den See. Das Ergebnis der sich über mehrere Wochen ziehenden Arbeit kann sich sehen lassen. Unser Fellboot schwimmt, inklusive zwei erwachsener Personen und trägt in diesem
Ohne Probleme trägt das Fellboot zwei
Personen über den Hallstätter See -
die Drohne nimmt jedes Detail auf.
(Bild: M. Grabner - NHM Wien)
Falle rund 150 Kilogramm. Beachtenswert ist dabei der geringe Tiefgang des Bootes. 

Die Überlegungen, ob der prähistorische Salztransport auf diese Weise stattgefunden haben könnte, werden nicht im Keim erstickt, unsere Hoffnungen nicht enttäuscht. Vielleicht wagen wir uns in einer nächsten Versuchsreihe und mit etwas Raftingerfahrung dann auch mal, mit Kernsalz beladen, auf die Traun.

von Jonas Armbruster

Das zufriedene Team vom Naturhistorischen Museum Wien und der Universität für Bodenkultur nach der geglückten Jungfernfahrt vor der malerischen Kulisse von Hallstatt. (Bild: M. Grabner - NHM Wien)



Donnerstag, 5. September 2019

Hallstatt im Freien Radio Salzkammergut

Bei der heurigen "Archäologie am Berg" war auch das Freie Radio Salzkammergut wieder mit von der Partie und hat sich die Stationen von Bast zwirnen über Salz sieden, Fellboot und Bronze gießen bis zur VR Brille angesehen, besser gesagt, angehört.
Die Sendung inklusive Interviews von Ausgrabungsleiter Hans Reschreiter, Anthropologin Doris Pany-Kucera, Den Experimentalarchäologen Frank Trommer, Martin Hees und Anne Reichert, sowie Holzforscher Michael Grabner kann man unter diesem Link nachhören.
Wir freuen uns auf jeden Fall sehr und danken für diese gelungene Sendung.

Hans Reschreiter beim Interview über die Forschungen in Hallstatt, zwischen Stiegenrekonstruktion und Fellboot. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)

Dienstag, 3. September 2019

Zu Besuch in der Bronzezeit

In den Forschungsstollen
vergisst man schnell, wie alt
und einzigartig das
umgebende Material ist.
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Die exzellenten Erhaltungsbedingungen für menschliche Hinterlassenschaften im Salzbergwerk von Hallstatt erlauben einen tiefen Einblick in Bereich des prähistorischen Lebens, welche uns normalerweise verborgen bleiben und machen es so zu einer der faszinierendsten uns bekannten archäologischen Fundstellen. Dementsprechend groß war die Begeisterung, als der leitende Archäologe der dortigen Ausgrabung Mag. Hans Reschreiter uns – die drei Archäologiestudenten Michael, Sebastian und Felix – zu einem dreitägigen Praktikum nach Hallstatt einlud. 

Am 20.08.2019 kamen wir in der Unterkunft der in Hallstatt arbeitenden ArchäologInnen an. Diese befindet sich direkt am Berg in unmittelbarer Nähe der Stollen, in denen Forschung betrieben und vermittelt wird. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, erhielten wir in der Fundverwaltung einen ersten Einblick in das Spektrum der materiellen Hinterlassenschaften aus dem Salzbergwerk. Dabei treten die Funde in so großen Mengen auf, dass man beim Sortieren der Leuchtspäne Gefahr läuft, zu vergessen, dass eben jenes Stück Holz, dass man gerade in der Hand hält, vor ungefähr 3000 Jahren von einem prähistorischen Menschen verwendet wurde. Ein unglaublich faszinierender Gedanke! 


Der Presslufthammer ist das
Mittel der Wahl bei den
Ausgrabungen im
Salzbergwerk von Hallstatt.
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Später durften wir bei der Vorbereitung der geophysikalischen Prospektion im Kaiser-Josef-Stollen helfen. Anhand elektrischer Widerstandsmessungen gelangt man nämlich an Erkenntnisse über die Art von Gestein und Sediment – es wird sozusagen versucht, den Berg zu „röntgen“. 

Am nächsten Morgen ging es weiter zur bronzezeitlichen Ausgrabung im Christian-von-Tusch-Werk. Dort beteiligten wir uns am Errichten der Infrastruktur für die anstehenden Grabungsarbeiten. Dies umfasste unter anderem die Vorbereitung der Presslufthämmer. Die üblichen archäologischen Werkzeuge wie Kellen und Schaufeln sind dem Verfüllungsmaterial des prähistorischen Bergwerks nämlich nicht gewachsen. 

Dieses besteht aus einer durch Bergdruck stark komprimierten Masse aus Gips, Lehm, Salz und Funden. Mithilfe des Presslufthammers gelingt es jedoch, Stollen in dieses feste Sediment zu treiben, wie es derzeit in einer urgeschichtlichen Abbauhalle der Fall ist. So ist es den Forschern möglich, die Schichten dieses ungefähr 25x50 Meter großen und 8 Meter hohen, verschütteten Raumes von „unten nach oben“ zu ergraben – eine Richtung, die man als Archäologe ansonsten nicht gewöhnt ist. 


Im Heidenbgebirge, das
vor allem aus abgebrannten
Leuchtspänen besteht,
versteckt sich noch so
manch anderer Fund.
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Den Nachmittag verbrachten wir hauptsächlich damit, aussagekräftige Funde aus dem abgebauten Material zu sortieren. Den größten Anteil der menschlichen Hinterlassenschaften im Bergwerk bilden dabei Objekte aus Holz, vor allem Leuchtspäne. Ein entscheidendes Kriterium für die Bedeutung solcher Funde ist die Anzahl der erhaltenen Jahresringe: Sind es genügend kann man bei erhaltener Waldkante das Jahr, in dem der Baum gefällt wurde, bestimmen. Neben Leuchtspänen kamen auch Pickelfragmente sowie Lederstücke und Grasschnüre zum Vorschein. 

Den krönenden Abschluss unseres Aufenthalts in Hallstatt bildete eine äußerst informative Führung von Mag. Hans Reschreiter durch das Salzbergwerk. So erhielten wir zu guter Letzt noch einen Einblick in die Erkenntnisse, die sich aus den Funden und Befunden, mit denen wir die vergangenen Tage gearbeitet hatten, über den prähistorischen Alltag im Bergwerk gewinnen lassen. Besonders beeindruckend waren dabei die Werkzeuge, welche sich von allen anderen zu dieser Zeit grundlegend unterscheiden und teilweise auch eine komplett andere, auf den Salzabbau und -transport zugeschnittene Technik, anders als in anderen Bergbauen, vermuten lassen. 

Während unseres Aufenthalts war es nicht zu übersehen, dass im Salzbergwerk von Hallstatt großer Wert darauf gelegt wird, in Sachen Forschung und Vermittlung immer auf dem neuesten Stand zu sein. Man darf also wirklich gespannt sein, welche Erkenntnisse uns dieser einmalige Fundort noch über das prähistorische Leben liefern wird.


von Sebastian Kampel, Felix Lettner und Michael Schwarz

Die hochmotivierten Praktikanten vor dem Mundloch des Kaiserin-Christina Horizontes in Hallstatt. (Bild: J. Armbruster - NHM Wien)

Donnerstag, 29. August 2019

Schwimmen oder untergehen - Fotostrecke

Endlich ist es so weit: das Fellboot, das in den letzten Wochen und Monaten im Naturhistorischen Museum Wien und in dessen Außenstelle in Hallstatt entstanden ist, wird zu Wasser gelassen. Vorerst nur unter uns MitarbeiterInnen und auf einem kleinen Wasserbassin im Hochtal, denn die große Testfahrt am Hallstätter See wird gleich von zwei Kamerateams begleitet werden. Hier eine kleine Fotostrecke über das erste Mal, dass die Bootsbauer Hans und Jonas sich damit ins Wasser wagen.

Letzte Beratungen und Spekulationen über den Ablauf des ersten Versuches.
(Bild: F. Poppenwimmer - NHM Wien)
Das Fellboot wird zu Wasser gelassen. Wie man sieht, kann es relativ einfach - auch alleine - getragen werden, weshalb sich diese Art Boote auch für den Flusstransport gut eignet. (Bild: F. Poppenwimmer - NHM Wien)
Zuerst testet Hans Reschreiter höchstpersönlich, und: es schwimmt! Der Ausgrabungsleiter ist sichtlich zufrieden. (Bild: F. Poppenwimmer - NHM Wien)
An einigen Stellen dringt offenbar doch noch etwas Wasser ins Boot. Sie werden zum Ausbessern markiert. (Bild: F. Poppenwimmer - NHM Wien)
Auch die, sehr eigenwillige, Paddeltechnik klappt schon wunderbar. Noch sieht Jonas skeptisch aus... (Bild: F. Poppenwimmer - NHM Wien)
... steigt jedoch trotzdem ein und, siehe da, es trägt auch zwei Personen problemlos. Und das ohne nennenswerten Tiefgang.
(Bild: F. Poppenwimmer - NHM Wien)
Noch sieht das Paddeln bei Jonas nicht sehr professionell aus...
(Bild: F. Poppenwimmer - NHM Wien)

Doch nach ein paar Runden schafft auch er es schon, das Wasser mit kreisenden Bewegungen unter das Boot zu schieben und es damit voran zu bewegen. (Bild: F. Poppenwimmer - NHM Wien)
Die beiden Bootsbauer wirken zufrieden mit dem ersten Belastungstest unseres Fellbootes in Hallstatt. Beim nächsten Versuch auf dem See werden sie unter genauer Beobachtung stehen. (Bild: F. Poppenwimmer - NHM Wien)













Mittwoch, 28. August 2019

Geschäftiges Wochenende - Praktikum in Hallstatt

Ein Flicken aus Pferderohhaut soll
das Loch im Fellboot abdichten.
(Bild: H. Reschreiter - NHM Wien)
Tag X rückt näher, bald soll das in den letzten Wochen entstandene Fellboot in Hallstatt getestet werden. Doch vorher sind noch wesentliche Nachbesserungen zu erledigen, denn mit Loch im Fell schwimmt sichs nicht lang. 

Deswegen hat Praktikant Jonas sich am Wochenende nochmal hingesetzt, das Nähzeug ausgepackt und sich damit beschäftigt das Boot zu flicken und seetüchtig zu machen. Zum Glück war das Wetter auf seiner Seite, sodass er das Ganze in der malerischen Kulisse des Hallstätter Hochtales erledigen konnte.

Während der Rest der Belegschaft seine Zeit mit Brot backen, putzen, Wäsche waschen, Haus in Stand halten, lesen oder wandern verbrachte, saß Jonas vor der Alten Schmiede und schnitt einen Flicken aus  Pferderohhaut. Hans Reschreiter gesellte sich dazu, um die Riemen zum Befestigen des Bootes am Untergestell aus der Rohhaut zu schneiden. Danach nähte Jonas, nach einiger Diskussion um den zu verwendenden Stich, den eingeweichten und damit biegsamen Flicken außen über das Loch. Bei zwei dicken Lagen Rohhaut ein ziemlicher Kraftakt.
Vorsichtig musste das
Dichtmaterial in alle Ritzen des
Flickens gestrichen werden.
(Bild: F. Poppenwimmer -
NHM Wien)

Da bei vorsichtigem Ausprobieren aber noch durchaus Wasser in das Boot eindrang, stand Jonas gleich vor der nächsten Herausforderung: wie kriegen wir den Flicken dicht?

Wieder wurde diskutiert, schließlich einigte man sich auf ein Gemisch aus Harz und Bienenwachs. Zur Sicherheit wurde auch das draußen vor dem Hochtalpanorama erledigt. Das Wachs-Harz-Gemisch dann allerdings so in und um den Flicken zu gießen und zu streichen bevor es richtig aushärtete, war gar nicht so einfach. 

Aber Hallstätter Praktikanten geben nicht auf und schließlich sah es vertrauenswürdig genug aus,  um einen ersten Stapellauf zu wagen.

Denn der erste Versuch auf dem Hallstätter See soll von gleich zwei Filmteams begleitet werden. Da lohnt es sich schon vor her zu testen, ob die Löcher tatsächlich dicht sind, wie viel Tiefgang das Boot hat und ob es sich eh nicht beim ersten Besteigen gleich mitsamt Mannschaft umdreht.


von Fiona Poppenwimmer


Jetzt wird es spannend: der erste Test wird zeigen, ob das Boot den Anforderungen zum Personen- und Salztransport genügt.
(Bild: F. Poppenwimmer - NHM Wien)


Montag, 26. August 2019

Eine Idee nimmt Gestalt an - Praktikum in Hallstatt

Zurück zur Frage, wozu wir eigentlich ein Boot bauen: In den urgeschichtlichen Bergwerken von Hallstatt wurde viel Salz abgebaut. Durch die Rekonstruktion der Abbauhallen können wir ziemlich genau deren Volumen bestimmen und durch die dendrochronologischen Analysen des Holzes den Zeitraum, in dem produziert wurde. Das Volumen, das pro Tag abgebaut wurde, entspricht etwa dem Gewicht von einer Tonne Salz. Wie dieses Salz aber von Hallstatt wegtransportiert wurde, davon haben wir noch keine Ahnung. 

Wurde das Salz von Menschen getragen? Kamen Lasttiere zum Einsatz? Oder gab es ganz andere Transportmittel? Die umweltarchäologischen Daten zeigen, dass der Wasserweg eine zentrale Rolle im prähistorischen Transportwesen von Hallstatt spielte, wie er es auch noch bis vor wenigen Jahrzehnten tat. 

Wie so oft brachte uns ein ethnografischer Vergleich auf eine Idee, die auch in der Urgeschichte durchführbar und sinnvoll gewesen wäre, diesmal aus Irland. Dort kamen bis in die Zwischenkriegszeit Fellboote zum Einsatz, wie wir es gerade nachbauen. Eines davon ist in einer Werft in Kork ausgestellt (Hans Reschreiter und Kerstin Kowarik berichteten im Archäologieblog von derstandard.at). Urgeschichtlichen Belege dafür finden wir auf syrischen Malereien und für unsere Breiten wollen wir vor allem Möglichkeiten aufzeigen und neue Denkwege eröffnen. 

Jonas beim Enthaaren der
Kuhhaut. Dies macht sie gleich
um mehrere Kilo leichter.
(Bild: H. Reschreiter - NHM Wien)
Doch zurück in die Werkstatt: als wir am Nachmittag nach dem Einlegen in Kalklösung die Kuhhaut besichtigten, waren wir überrascht: Die Haare ließen sich bereits beim Schaben mit den bloßen Fingern lösen. Da sich der Tag allerdings schon dem Ende neigte, verschoben wir das Enthaaren auf den folgenden. Die Kuhhaut lag, wie die Tage zuvor, wieder auf dem Tisch in der Tierpräparation. Heute allerdings auf der anderen Seite. 

Mit Schabern bewaffnet machten Hans Reschreiter und ich uns ans Werk. Es warteten wieder sechs Quadratmeter darauf bearbeitet zu werden. Das Enthaaren ging deutlich schneller vonstatten, sodass wir nach drei Stunden die nackte Haut vor uns liegen hatten. Der Kalk musste noch runter. Also hoben wir sie wieder mit einem Kran in die große Wanne und schwämmten sie aus, bis das Wasser klar war. Anschließend hängten wir die Haut auf eine Stange, die wir am Kran befestigten, wo sie für die nächsten Stunden etwas Feuchtigkeit verlieren sollte. Bis zur Abfahrt zur Archäologie am Berg in Hallstatt, dauerte es noch ein paar Tage und bis die Haut weiter verarbeitet werden sollte noch ein paar mehr. Wäre die Haut nun zu sehr getrocknet, bekämen wir sie nachher nicht mehr in die gewünschte Form. 
Die Korbflechter Erwin Jaworsky
und Harrit Karner beim Biegen
der Weidenkonstruktion.
(Bild: H. Reschreiter - NHM Wien) 

Deshalb wurde sie im leicht angetrockneten Zustand konserviert. Wir breiteten sie im Hof aus und stellten fest, dass sie, wie erwartet, schon etwas kleiner geworden ist. Nun sind es vielleicht noch fünf Quadratmeter. Wir rollten die Haut auf und gaben sie in die Tiefkühlkammer, wo sie, bis es nach Hallstatt gehen sollte, aufbewahrt wurde. 

Am 14. August war es dann so weit: Den ganzen Vormittag lang wurde alles, was in den nächsten sechs Wochen im Hochtal über dem Hallstätter See gebraucht wird in Busse geladen, bis sie randvoll waren. Sie waren wirklich randvoll, sodass wir das Kuhfell auf den Gepäckträger schnallen mussten. So ging es dann am frühen Nachmittag los Richtung Hallstatt, wo wir, am frühen Abend angekommen, die Busse ausluden und uns im wahrscheinlich coolsten archäologischen Grabungsquartier in ganz Österreich einrichteten. Das Fell kam am nächsten Morgen erst vom Dach und von dort direkt auf das geflochtene Weidengestell, das Hans Reschreiter bereits im Mai zusammen mit den steirischen Korbflechtern Erwin Jaworsky, Harrit Karner und Archäotechniker Eike Mahrdt gebaut hatte. 

Angeregte Diskussionen um das
fast fertige Fellboot auf der
"Archäologie am Berg".
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Die Feuchtigkeit der Kuhhaut war zum Glück noch hoch genug, dass sie sich gut an die Form des Gestells anpasste. Wir fixierten das Ganze mit einer Schnur und ließen es in diesem Zustand austrocknen, wodurch die Haut aussteifte und sich an die Form des Korbes anschmiegte. 

Perfekt ist es noch nicht. An einer Stelle ist ein kleines Loch, an einer anderen ist die Haut etwas zu klein. Damit es wirklich wasserdicht ist und wir uns damit aufs Wasser wagen können, müssen wir nochmal nacharbeiten, wir werden natürlich darüber berichten. 

Unser Boot ist eine Idee, die wir letztes Wochenende auch bei der „Archäologie am Berg“ mit den Besuchern diskutiert haben. Was habt ihr für Ideen, wie der Transport vor über 3000 Jahren ausgesehen haben könnte? Glaubt ihr unser Fellboot wäre geeignet größere Mengen Salz über den Hallstätter See und die Traun zu transportieren? Diskutiert gerne in den Kommentaren mit uns zu diesem spannenden Thema.
von Jonas Armbruster
Sogenanntes "currach", ein irisches Fellboot, gesehen
in einer Werft in Kork. (Bild: H. Reschreiter - NHM Wien)

Montag, 19. August 2019

Archäologie am Berg 2019 - Fotostrecke

Wie jedes Jahr läuten wir die Grabungskampagne im Bergwerk Hallstatt mit unserem "Tag der offenen Tür", der Archäologie am Berg ein. Dieses Jahr hielt wieder einige neue und spezielle Aspekte der Hallstattforschung bereit, die die BesucherInnen bestaunen, erleben, mit den ForscherInnen diskutieren und vor allem selbst erfahren konnten.

Viel Spaß mit den besten Bildern des Wochenendes!

Highlight diesen Jahres war die brandneue VirtualReality Visualisierung des bronzezeitlichen Bergbaus in Hallstatt, entstanden in Kooperation von Scenomedia, NHM Wien und Salzwelten GmbH. (Bild: C. Fasching - NHM Wien)

Der virtuelle Flug durchs Bergwerk beinhaltet Ergebnisse der letzten 60 Jahre Forschungstätigkeit: Karten, Pläne, Profile. Aber auch die neuesten Scans der modernen Stollen und 3D Modelle der Fundstellen. Zusammengestellt wurde diese Visualisierung im Rahmen des Interreg CE Projektes VirtualArch. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)

Auch die experimentelle Archäologie war wieder stark vertreten. Hier konnten BesucherInnen mit eigenen Händen die Werkzeuge und Gerätschaften der Urgeschichte testen... (Bild: C. Fasching - NHM Wien)

... wie hier beim Holzhacken mit dem Bronzebeil. (Bild: C. Fasching - NHM Wien)

Bei den Bronzegießern von der Trommer Archäotechnik wurden vor Ort Objekte nach Vorlage urgeschichtlicher Funde gegossen und bearbeitet. (Bild: C. Fasching - NHM Wien)

Wie Salz noch gewonnen werden kann, zeigte Martin Hees mit seinem Experiment zum Salzsieden. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)

Archäotechnikerin Anne Reichert brachte den Besuchern textile Materialien wie Bast, Binsen und Brennesseln näher und lehrte die entsprechenden Verarbeitungstechniken. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)

Durch das Mikroskop konnten große und kleine BesucherInnen in die Welt der Pollenforschung eintauchen. Palynologin Ruth Drescher-Schneider zeigt wie. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)

Das Fellboot ist zwar noch nicht ganz fertig, zur Diskussion über Transport in der Urgeschichte kann es aber trotzdem schon gut beitragen. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)

Die Ausgrabungen am Gräberfeld von Hallstatt sind zwar für dieses Jahr abgeschlossen, der Holzbefund bleibt allerdings spannend und wird 2020 weiter untersucht. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)

Vielen Dank an das engagierte und diverse Team der Archäologie am Berg 2019! Wir freuen uns auf nächstes Jahr. (Bild: C. Fasching - NHM Wien)