Dienstag, 17. August 2021

Das zweite Fellboot sticht in See!

– Fernhandel in der Urgeschichte/Ostalpenraum/Hallstatt/Hallstätter See/Salz/Salzbergbau/ Salzhandel/Salztransport/Fellboote/Coracles/Leichte Boote/Bronzezeit/Eisenzeit/Wasserwege/ Traunschifffahrt/Experimentelle Archäologie/Rohhaut/Flechtwerk/Bootsbau/Bootsfahrt –  

Rekonstruiertes Fellboot. (Fotografin: L. Holler)

Etwa 1000 bis 1300 kg Steinsalz verließen während der Bronze- und älteren Eisenzeit jeden Tag das prähistorische Bergwerk Hallstatt im oberösterreichischen Salzkammergut – wie Berechnungen und Computersimulationen des NHM, in Zusammenarbeit mit der TU Wien, ergaben. Jährlich müssten demnach ca. 400 t Salz ihren Weg vom Bergwerk zu den Konsument*innen gefunden haben (Naturhistorisches Museum Wien 2021, https://youtu.be/Z1-AVV6XGxE; Reschreiter, H., Kowarik, K. 2019). Nur wie? 

Auszugehen ist von einem weit verzweigten Fernhandelsnetzwerk zur Belieferung salzärmerer Regionen mit diesem für Mensch und Tier überlebenswichtigen Rohstoff. Das "weiße Gold" war schließlich unverzichtbar für die Konservierung von Fleisch- und Milchprodukten, für die Würzung von Speisen oder als Viehsalz und fand darüber hinaus z.B. in der Medizin, der Gerberei und der Metallurgie Verwendung (Stöllner 2002, 47). Auch der Einsatz von Salz als Zahlungsmittel ist denkbar. 
Die gewaltigen Fördermengen und der reißende Absatz, den das Hallstattsalz fand, erforderten eine ausgereifte Logistik im Transportwesen, die vom Aufwand her vermutlich den des Förderprozesses im Bergwerk übertraf (Naturhistorisches Museum Wien 2021, https://youtu.be/Z1-AVV6XGxE). Doch welche Wege nahm das Salz nun genau? Und welche Transportmittel kamen dabei zum Einsatz? 
 
Leider gibt es bis heute kaum präzise Antworten auf diese Fragen, denn durch den nahezu restlosen Verbrauch des Salzes sowie dessen Wasserlöslichkeit hat es die Zeit nicht überdauert. Auch die überwiegend aus organischen Materialien bestehenden Transportmittel hinterließen selten Spuren (Stöllner 2002, 57). Besonders naheliegend wäre jedoch der Transport des Salzes über den Wasserweg, das heißt über die Traun, in Richtung der Donau oder über die Salzach und den Inn. Belegbar ist die Verschiffung ostalpinen Salzes über diese Flüsse zumindest für das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit (Stöllner 2002, 59). Mit hoher Wahrscheinlichkeit befuhr man sie auch schon in der Urgeschichte. Darauf deutet z.B. der Fundplatz von Traunkirchen am Traunsee hin, denn Letzterer stellte aus topographischen Gesichtspunkten die erste sichere Anlegestelle für von Hallstatt kommende Boote dar und barg viele Funde, die auf eine enge Handelsbeziehung zwischen beiden Orten während der frühen Hallstattzeit (Ha C) verweisen. Traunkirchen wird deshalb als bedeutender Umschlagplatz für Hallstattsalz interpretiert und untermauert, zusammen mit einer Häufung weiterer Fundstellen entlang der Traun, die Wasserweg-Theorie (Stöllner 2002, 62; Kowarik 2019). Ein anderes Indiz fand sich in Grab Nr. 44/1 der Nekropole auf dem Dürrnberg bei Hallein. Darin lag ein 6,6 cm langes Miniaturschiffchen aus dünnem Goldblech mit Löchern in der Bordwand, die zwei Rudern als Halterung dienten. Das berühmte Goldschiffchen vom Dürrenberg datiert in die Frühlatènezeit (Lt A) (Reitinger 1975, 383) und gilt als wichtiger Hinweis darauf, dass man in dieser Zeit das Salz aus Hallstatt mit kleinen, leichten Booten transportierte (Stöllner 2002, 62), die sich im Leerzustand vermutlich leicht wieder flussaufwärts tragen und von neuem befüllen ließen.  
 
Schwere Bootstypen oder Flöße aus Baumstämmen sind dagegen eher auszuschließen, da sie nur mit großem Aufwand wieder stromaufwärts hätten transportiert werden können. In diesem Fall hätte für jede zu verschiffende Salzladung ein neues Boot gebaut werden müssen. Mit Blick auf die Mengen benötigter Arbeitskräfte sowie das begrenzte Holzvorkommen vor Ort kann Letzteres wohl ausgeschlossen werden. Um die vorgestellte Theorie zum Salztransport mithilfe von kleinen Booten zu überprüfen, bedienten wir uns der experimentellen Archäologie. 

Seelöwenhaut-Floß im Archäologischen Museum von 
La Serena, Chile. (Fotografin: M. E. Skudelny)
Was tut man bei einem archäologischen Experiment? Meistens baut man etwas nach. Das ermöglicht eine detaillierte Rekonstruktion des Herstellungsprozesses und der Nutzungsmöglichkeiten von prähistorischen Objekten.  
In unserem Fall ging es darum, ein Boot nachzubauen, das sich für den regelmäßigen Transport schwerer Salzblöcke, z.B. über die Traun, eignet. Die Wahl fiel dabei auf ein einfaches Fellboot. „Fell“ ist hierbei die Bezeichnung für eine Rohhaut, von der Fett- und Fleischreste entfernt wurden, um die Verwesung des Materials zu unterbinden (McGrail 1998, 182).

Dieser Bootstyp ist aus verschiedenen Gründen besonders naheliegend: Einerseits kannte man ihn offenbar schon im Endpaläolithikum, wie ein etwa 10.000 Jahre altes Fellboot-Fragment (Höckmann1985, 9) der Ahrensburger Kultur aus Husum, Schleswig-Holstein, belegt (Ellmers 1980, 19) und zum anderen kannte man ihn fast überall auf der Welt. Nachgewiesen sind u.a. Seelöwenhaut-Flöße in Chile (McGrail 1998, 189). Von Columbien bis Argentinien bediente man sich der oft rahmenlosen, nur aus zwei Guanakohäuten hergestellten Pelotas. In Nordamerika und Grönland kannte man stattdessen sognannte Bullenboote, bestehend aus einer Büffelhaut über einem Korbrahmen, sowie Kajaks und Umiaks. Letzteren sehr ähnlich sind die Baidar und Baidarka, mit denen die Ureinwohner der Aleuten, Alaskas und Sibiriens den Nordpazifik befuhren (McGrail 2009, 412-413). 

Bullenboot der Sioux aus dem 20. Jh.  (Bild: S. McGrail, 
Ancient Boats in North-West Europe, The Archaeology of 
Water Transport to AD 1500 (London 1998), 180, Abb. 10.4) 
In Indien, China und der Mongolei verwendete man Flöße aus Ziegen-, Schaf-, Ochsen- oder Büffelhaut, in Tibet Yakhaut-Boote. Große Keleks aus bis zu 1000 Schwimmkörpern aus Schaf- oder Ziegenhäuten trieben ehemals über Euphrat und Tigris im Irak (McGrail 1998, 188), oft begleitet von sogenannten Guffas (mit Bitumen abgedichteten Rundbooten aus gebündeltem Schilf (McGrail 2009, 65)). Daneben dokumentieren Reliefs aus dem 1. Jt.v.Chr. eine Spannbreite von Wasserfahrzeugen, die von schlichten, luftgefüllten Hautsäcken, bis hin zu komplexen, aus mehreren Häuten bestehenden Fellbooten reicht, wie sie noch heute in Saudi-Arabien vorkommen (McGrail 2009, 67). Für Europa wären besonders die bronzezeitlichen Felsmalereien von Fellbooten in Skandinavien sowie die traditionellen irischen Currachs und die walisischen Coracles hervorzuheben.   

Großes Kelek und Guffas in Bagdad, 20. Jh. (Bild: S. McGrail, 
Boats of the World, From the Stone Age to Medieval Times 
(Oxford 2009), 64, Abb. 3.13)

Assyrischen Relief mit Fellboot-Darstellung, aus dem Palast 
des Sennacherib in Ninive, 7. Jh. v. Chr. (Bild: S. McGrail, 
Boats of the World, From the Stone Age to Medieval Times 
(Oxford 2009), 67, Abb. 3.15)

Gemäß dieser Aufzählung stehen die Chancen gut, dass Fellboote auch den Bergleuten aus Hallstatt nicht unbekannt waren. Zudem sind sie außerordentlich einfach zu bauen (im Falle der von uns gewählten Variante im Stil der walisischen Coracles genügt eine große Rohhaut und ein Geflecht aus Weiden- oder Haselruten) aber dennoch sehr leistungsfähig und vor allem leicht. So können z.B. tibetische Yakhaut-Boote zu Wasser 5 Personen transportieren, aber an Land von einem einzigen Mann getragen werden (
McGrail 1998, 185) – was das Überqueren von Landpassagen oder den Rücktransport der Boote stromaufwärts erheblich erleichtert. 
2019 wurde von einem Team des Naturhistorischen Museums Wien, unter der Leitung von Hans Reschreiter, schon einmal ein solches Fellboot gebaut und zu Wasser gelassen. Es schwamm ausgezeichnet und trug dabei ein stolzes Gewicht von ca. 150 Kilogramm (zwei erwachsene Personen). Dieses Jahr galt es, die Versuchsreihe fortzusetzen und ein Fellboot mit einer noch höheren Tragfähigkeit zu bauen! 
Wir - vier Studentinnen der Universität Wien, namentlich Lisa Holler, Margareta Elisabeth Skudelny, Seher Nur Turgut und Cara Jäger - haben uns für dieses Experiment, wieder unter der Leitung von Hans Reschreiter, zunächst in die Steiermark begeben. Auch vor Ort war stets ein Filmteam des Senders Servus TV, welches unser Projekt vom Bau des Bootes bis zu dessen Testfahrten im Hallstätter See begleitete.

Der Bootsbau

Am 29.04.2021 trafen wir uns in Reigersberg mit den Korbnäher*innen Harrit Karner und Erwin Jaworsky, um zusammen das Grundgerüst des Bootes herzustellen. Für dessen Abmessung haben wir einen Pflock in den Boden geschlagen, daran ein Seil befestigt und am Seil auf 72,5 cm Länge eine Markierung gesetzt. Dies sollte der Radius unseres Bootes werden. An der Markierung des straff gehaltenen Seils wurden jeweils im Abstand von 17,5 cm (abgemessen mithilfe eines Stöckchens in dieser Länge) 26 kurze Weidenruten in den Boden gesteckt. Et voilà! Man erkannte auf dem Rasen schon die späteren Ausmaße unseres Fellbootes. Der Ablauf des Bootflechtens wurde an die filmische Dokumentation eines Currachbaus von 1935 (https://youtu.be/aCWFDMnKLyM) angelehnt. Anschließend haben wir bereits im Winter geschnittene, kräftigere Weidenruten zurechtgestutzt und abgelängt. Diese sogenannten Staken wurden am dicken Ende mit der Axt angespitzt und an den markierten Stellen in den Boden getrieben.

Abmessen des Grundgerüsts. (Fotografin: S. Nur Turgut)

Einschlagen der Staken. (Fotografin: S. Nur Turgut)

Nun konnte mit dem Flechten des Korbrandes begonnen werden, der das entstehende Bootsgerüst stabilisieren soll. Hierzu entasteten wir weitere, etwas dünnere Weidenruten und begannen unter Anleitung der Korbnäher*innen mit je vier Ruten zu flechten, wobei pro Durchgang jede Rute über zwei Staken und unter zwei Staken hindurch gewunden werden musste. Sobald eine Weidenrute vollends eingeflochten war, „verlängerten“ wir sie mit einer weiteren Route. Dabei galt es zu beachten, dass man an ein auslaufendes, dünnes Rutenende nur das dünne Ende einer weiteren Rute anzulegen hatte, während ein auslaufendes, dickes Ende auch wieder mit dem dicken Ende einer neuen Rute verlängert werden sollte. Als der geflochtene Rand unseres werdenden Bootsgerüstes etwa auf Unterarmlänge angewachsen war, konnten die Staken ihrerseits umgebogen und an den Schnittstellen mit Streifen aus Rohhaut fixiert werden. Diese Hautriemen hatten wir parallel zum Flechtvorgang hergestellt, indem wir eine Rinderhaut abputzten und in dünne Streifen schnitten. 

Unser Korbrand wuchs an, während im Hintergrund schon mit 
den nächsten Arbeitsschritten begonnen wurde. 
(Fotograf: H. Reschreiter)
Herstellung von Riemen aus einem Stück Rinderhaut.
(Fotografin: S. Nur Turgut)

Einsatz der Riemen zum Verknoten sich kreuzender Staken. 
(Fotografin: S. Nur Turgut)

Während das Gerüst aus Weidenruten entstand, bereiteten wir auch schon unser großes Kuhfell vor, das später über Ersteres gestülpt werden sollte. Das Kuhfell musste wie schon die Haut für die Riemen „geputzt“ werden, das heißt wir bereinigten es mit Messern von allen Fett- und Fleischresten auf der Innenseite. Das Putzen der Kuhhaut dauerte über vier Stunden, in denen durchgängig eine bis fünf Personen gleichzeitig am Werk waren. Als wir diese Arbeit beinahe vollendet hatten, konnten wir die Kuhhaut dem inzwischen fertig gewordenen Korbgerüst schon einmal „anprobieren“. Dabei wurde die Haut auf dessen Maße zurechtgeschnitten.  

Reinigen des Kuhfells (Fotografin: C. Jäger)

Unser fertiges Korbgerüst (Fotografin:  C. Jäger)

Unsere „rosa Schildkröte“ bei der Kleideranprobe…
 (Fotografin: S. Nur Turgut)


Am Ende des Tages zogen wir das Bootsgerüst aus der Erde und kappten die Spitzen der Staken. Insgesamt hatte die Konstruktion des Korbes sechs Stunden in Anspruch genommen – allerdings waren hier auch immer nur etwa zwei Personen gleichzeitig am Werk, statt bis zu fünf, wie bei der sehr viel kräftezehrenderen Kuhhaut.

Später wurde die Form des Weidengeflechts von Hans Reschreiter noch leicht modifiziert. Mithilfe von Balken und Spanngurten senkte er den Korbrand ab und erzielte einen flacheren Boden sowie eine steilere Bordwand. Dadurch liegt das Boot besser im Wasser und hat zudem einen geringeren Tiefgang. Traditionelle walisische Bootsflechter*innen erreichen diesen flachen Boden schon während des Herstellungsprozesses, indem sie die Staken mit schweren Steinen niederdrücken (https://youtu.be/ aCWFDMnKLyM) und sie in diesem Zustand durch weiteres Geflecht fixieren oder aber erst den flachen Boden flechten und dann erst die Staken für die Bordwand nach oben umbiegen (Seymour 2000, 113).

Letzte Nachbesserung in Hallstatt. (Fotograf: H. Reschreiter)

Um unsere außen noch flauschige, braune Rohhaut vom Fell zu befreien, wurde sie anschließend eine Woche lang in Kalkwasser eingelegt. Danach konnten die Haare von Hans Reschreiter und Daniel Brandner mit Bronzemessern leicht entfernt werden.

Im enthaarten Zustand wurde die Haut wieder über das Korbgerüst gestülpt, um darauf zu trocknen. Bei diesem Vorgang nimmt die Haut die Form des Bootsgerüstes an und wird relativ steif. Etwa drei Wochen nach unserem gemeinsamen Arbeitstag in der Steiermark konnte die Rohhaut – wieder mittels Rohhautstreifen – am Korbgerüst festgenäht werden. Dabei wurden auch drei kleine Löcher in der Haut, die seit dem Schlachtvorgang darin waren, zugenäht und unmittelbar vor der ersten Bootsfahrt mit Butter abgedichtet.
Im vollendeten Zustand hat unser Boot nun einen Durchmesser von ca. 145 cm und ein Gewicht von rund 25 kg.

Probefahrt am Hallstätter See

Am 26.05.2021 haben wir uns wieder getroffen – diesmal am Hallstätter See, direkt unterhalb des prähistorischen Bergwerkes. Dort haben wir zunächst im kleineren Fellboot von 2019 Paddeltechniken geübt, die sich für Rundboote eignen. Sitzt nur eine Person im Boot erweist sich eine Achterschleifenbewegung des Paddels, mit dem man das Wasser unter dem Boot hindurch drückt und sich dadurch geradlinig vorwärts bewegt, als besonders effektiv. Bei einem zweiköpfigen Team kommt man auch mit zwei synchron bewegten Paddeln auf beiden Seiten des Bootes sehr flott voran. Trocknen und nächtigen durften wir dann in der "Alten Schmiede" – einer Außenstelle des NHM Wien, unmittelbar unter den Stollen des prähistorischen Bergbaus.

Am 27.05.2021 war es endlich soweit! Unser eigenes Boot konnte das erste Mal zu Wasser gelassen werden. Auch hier stand wieder das Kamerateam parat, um den zweiten Teil unseres Experimentes zu dokumentieren.

Zuwasserlassen des Fellbootes. 
(Fotografin: U. Pfeiler)

Wie erwartet (bzw. inbrünstig gehofft!) schwamm das Boot hervorragend und trug erstaunliche Lasten! Auf mehreren kleinen Fahrten variierten wir das Gewicht der Ladung. Zunächst fuhren nur zwei Personen (Hans Reschreiter und eine von uns Studentinnen) hinaus – und beobachteten wachsam, ob unsere mit Butter verschmierten Lecks auch dicht hielten. Im Folgenden beluden wir unser Fellboot mit Salzblöcken mit einem Gesamtgewicht von 100 kg und stiegen zu viert in das Boot, womit Letzteres über 350 kg trug!

Unser fertiges Fellboot kann auf dem Hallstätter See zum 
Ersten Mal seine Schwimmtüchtigkeit beweisen.
(Fotograf: H. Reschreiter)

Theoretisch hätten wir das Boot noch etwas schwerer beladen können, doch es lag bereits tief im Wasser und wäre mit noch mehr Gewicht anfällig für kleine Wellen gewesen, die leicht über die niedrige Bordwand hätten spritzen können. Ein Transport über die Traun wäre in diesem Zustand riskant.    
                                                                                    
Mit geringfügig verminderter Ladung sollte unser Boot aber wildwassertauglich sein – schließlich sind Fellboote aufgrund ihres geringen Tiefgangs von nur ca. 30 cm optimal zum Befahren flacher Gewässer, gleiten dank ihres federleichten, elastischen Baus aber auch auf sehr hohen Wellen (McGrail 2009, 183). Tatsächlich waren und sind sie sogar hochseetauglich, wie u.a. die Navigatio Sancti Brendani nahelegt, die uns vom irischen Mönch Brendan berichtet, der in einem Currach im 6. Jh. n. Chr. den Atlantik überquerte. Die Erzählung wurde lange als reine Fantasie abgetan, bis der britische Historiker Timothy Severin im Jahre 1976 experimentell bewies, dass es möglich war, in einem Currach von Irland nach Neufundland zu reisen – indem er genau dies tat (Capelle 1987, 132).

Wir sind darum optimistisch, dass unser Fellboot auch die Traun meistern wird – dies wäre selbstredend die nächste, noch ausstehende Etappe unseres Experimentes zum bronze- und hallstattzeitlichen Salztransport zu Wasser. Schritt für Schritt versuchen wir so die Lücken zu füllen, die Funde und Schriftquellen noch offenlassen.

Erkenntnisse

Ein Fellboot kann innerhalb von acht Stunden gebaut werden, wenn vier bis fünf Personen zusammenarbeiten – die Trocknung der Haut nimmt allerdings zusätzliche drei oder vier Wochen in Anspruch. Bei einer ungefähren Größe von 145 cm (d) x 47 cm (h) erreicht es eine Traglast von über 350 kg. Das Rundboot kann leicht von einer Person gepaddelt werden und lässt sich über Land gut tragen. Alle experimentell geprüften Aspekte sprechen für eine hervorragende Eignung zum Salztransport, womit wir die Möglichkeit, dass Letzterer mittels derartiger Boote stattfand, in Betracht ziehen können. Von den Coracles ist außerdem bekannt, dass das Gerüst aus Weide etwa vier bis fünf Jahre hält. Die Kuhhaut überdauert sogar Jahrzehnte, wenn sie nach der Nutzung wieder getrocknet wird.

Der Film zu unserem Projekt wird am 18.8. um 21.15 auf Servus TV in PM Wissen in Deutschland ausgestrahlt und am 19.8. um 20.15 in Österreich. Wir freuen uns schon auf die bewegten Bilder zu unserem Boot und bedanken uns bei Tim Rascher und seinem Team von Bilderfest für die tolle Zusammenarbeit. 

Wer sich jetzt von Fellbooten begeistern hat lassen kann sich auch auf den nächsten Blog zum Thema freuen, der sich mit leichten Booten aus aller Welt beschäftigen wird.

 

Verfasserinnen: Lisa Holler, Margareta Elisabeth Skudelny, Seher Nur Turgut, Cara Jäger 

Projektteam: Erwin Jaworsky, Harrit Karner, Lisa Holler, Margareta Elisabeth Skudelny, Seher Nur Turgut, Cara Jäger, Daniel Brandner, Hans Reschreiter 


Literatur

J. Armbruster, Ahoi! Der Stapellauf am Hallstätter See (2019), http://hallstatt-forschung.blogspot.com/2019/09/ahoi-der-stapellauf-am-hallstatter-see.html  (aufgerufen am 05.07.2021)

T. Capelle, Die Eroberung des Nordatlantiks, Archäologie am Rande des Meeres (Neumünster 1987)

D. Ellmers, Ein Fellbootfragment der Ahrensburger Kultur aus Husum, Schleswig-Holstein?, Offa 37 (Neumünster 1980)

O. Höckmann, Antike Seefahrt (München 1985)

S. McGrail, Ancient Boats in North-West Europe, The Archaeology of Water Transport to AD 1500 (London 1998)

S. McGrail, Boats of the World, From the Stone Age to Medieval Times (Oxford 2009)

K. Kowarik, Hallstätter Beziehungsgeschichten, Wirtschaftsstrukturen und Umfeldbeziehungen der bronze- und ältereisenzeitlichen Salzbergbaue von Hallstatt/OÖ. (Mit Beiträgen von Michael Grabner, Julia Klammer, Konrad Mayer, Hans Reschreiter, Elisabeth Wächter und Georg Winner), Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich 50 (2019)

Naturhistorisches Museum Wien, UNESCO Österreichischer Welterbetag Hallstatt 2021 (2021), https://youtu.be/Z1-AVV6XGxE (aufgerufen am 04.07.2021)

J. Reitinger, Das goldene Miniaturschiffchen vom Dürrnberg bei Hallein, Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 115 (Linz 1975)

H. Reschreiter, K. Kowarik, Bronze Age mining in Hallstatt, A new picture of everyday life in the salt mines and beyond, Archaeologia Austriaca 103, 99–136 (2019), DOI: 10.1553/archaeologia103s99

J. Seymour, Vergessene Künste, Bilder vom alten Handwerk (Rheda-Wiedenbrück 2000)

Th. Stöllner, Salz als Fernhandelsgut in Mitteleuropa während der Hallstatt- und Latènezeit, in: A. Lang, V. Salač (Hrsg.), Fernkontakte in der Eisenzeit, Konferenz Liblice 2000 (Prag 2002)

Weiterführende Links

Maritimes Lexikon, Fellboot (2011), https://www.modellskipper.de/Maritimes/maritime_Begriffe_Deutsch_Abschnitt_F/Fellboot

Videos zu Fellbooten

I. Finkel, The Ark Before Noah: A Great Adventure (2016), https://youtu.be/s_fkpZSnz2I 

Look Around Ireland, Boyne Currach (2008), https://youtu.be/aCWFDMnKLyM

OtherLives, Hands Curragh Makers Part 1 (2008), https://youtu.be/ZLKQgTCVinE

B. Rioux, How to build a spruce bark canoe! (2014), https://youtu.be/u6V-v7mVymo

Archanth, Making Coracle (2011), https://youtu.be/FcAzWOBAfo8

W. Lord, Making a Skin Coracle from start to finish (2018), https://youtu.be/TiBUCPHjU_8

Alaska Extreme, Tuktu- 2- The Big Kayak (how to build a kayak out of driftwood), https://youtu.be/tKbwNdes0SY

INBAROfficial, Process of Bamboo Coracle Making – training video (2019) https://youtu.be/X7sguD1pO84


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