Dienstag, 6. Oktober 2020

Archäologie mal anders - Austauscharchäologinnen im Bergwerk von Hallstatt

Schaufel, Spaten und Kelle wurden weggelegt, dafür nahmen wir Stirnlampe, Presslufthammer und Pfriemel zur Hand. Und das waren nicht die einzigen Umstellungen zum normalen Arbeitsalltag als Archäologinnen, die unsere vierwöchige Grabungsteilnahme in Hallstatt geprägt haben.

Wir, das sind Svenja Pohl aus Wettenberg in Hessen (D) und und Julia Bucher aus Zürich (CH).

Julia: An der Universität Zürich habe ich Prähistorische Archäologie/Anthropologie studiert und arbeite seit bald 5 Jahren bei der Zürcher Stadtarchäologie. Meine Interessen liegen u.a. in den Bereichen Handwerk, Archäometrie, Geoarchäologie, Experimentelle Archäologie, Chaîne opératoire, Vermittlung und Visualisierung, Prospektion und montane Archäologie, die ich im Rahmen von Auswertungen, Praktika oder durch die Teilnahme an Forschungsprojekten teilweise vertiefen konnte. Durch ein Projekt der Uni Zürich zum Kupferbergbau im Oberhalbstein (Graubünden, CH) bin ich mit der Bergbauarchäologie in Kontakt gekommen – und bisher nicht mehr davon los. Einmal am Bergbauort Hallstatt im Team des NHM Wien auszugraben war ein lange gehegter Wunsch und ist eine unschätzbare Erfahrung, die mir noch lange in allerbester Erinnerung bleiben wird.

Svenja: Bei der Grabungsfirma SPAU in Mittelhessen arbeite ich seit zwei Jahren als Grabungshelferin, in der Fundverwaltung und im Tourismus. Parallel studiere ich an der Philipps-Universität in Marburg und mache meinen Master in Prähistorischer/ Geoarchäologie. In diesem Rahmen habe ich das vierwöchige Praktikum hier absolviert und einige neue und sehr interessante Erfahrungen gemacht, die mich als Archäologin und als Person bereichert haben.

Erste Arbeiten mit dem Presslufthammer.
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)

Unsere Arbeit im Berg bestand vor allem zu Beginn darin, das Heidengebirge (das bronzezeitliche Nutzungs- und Versatzmaterial in den Abbaukammern) im Christian von Tusch-Werk über Wannen und Schubkarren zu fördern und noch vor Ort sorgfältig nach Funden durchzuschauen. Diese wurden dann geborgen, beschriftet und für den Transport ins Fundlabor vorbereitet. Auf diese Weise bekamen wir schnell einen Überblick über das außergewöhnliche Fundspektrum. Dieses hat natürlich einerseits damit zu tun, dass man hier die Reste hochspezialisierter bergbaulicher Abläufe und damit verbundener Werkzeuge und Baukonstruktionen vor sich hat.

Darüber hinaus aber bleiben Objekte im salzhaltigen Milieu so gut erhalten, dass sie manchmal wirken, als seien sie erst gestern dort deponiert worden. Dadurch hat man es hier auch mit Materialien zu tun, die man sonst als Archäolog*in nie oder nur sehr selten in Händen halten darf, wie Schnüre aus Bast und Gras, Handschuhe aus Rohhaut oder feine Wolltextilien. Selbst die vielen Objekte und Bauelemente aus Holz zeigen kaum Abbauerscheinungen und riechen sogar beim ansägen- oder bohren wie frisch aus dem Wald. 

Durchsuchen des Materials auf Funde im Berg.
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)

Auf den meisten Ausgrabungen auf trockenem Landboden, wie sie z.B. die SPAU in Hessen in großem Maßstab durchführt, beschränkt sich das Fundspektrum meist auf Objekte aus Keramik, Stein und je nach Erhaltung Knochen und etwas Metall, ein ganz anderes Bild. Die Vielfalt an Resten aus dem Alltag der bronzezeitlichen Bergleute in Hallstatt macht einem erneut bewusst, wie viel uns an anderen Fundorten mit weniger guter Erhaltung fehlt. In einigen Feuchtbodensiedlungen des Schweizer Mittellandes, z.B. am Zürichsee, sind ebenfalls organische Funde erhalten, so dass auch Vergleiche zu Hallstatt möglich sind.

Da deren Zellen aber teilweise abgebaut sind, müssen sie aufwendig konserviert und gelagert werden, wohingegen die Funde aus Hallstatt nach dem Entsalzungsbad an der Luft getrocknet werden können und stabil bleiben. Ein riesiger Vorteil und ein Glückfall, denn anders wären die enormen Fundmengen kaum zu bewältigen.

Die Profile enthalten die essentielle Information für die
Archäolog*innen. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)

Spezielle Methoden erfordert auch das Ausgraben selbst und die Dokumentation unter Tage. Das stark komprimierte, aber zähe Heidengebirge aus hauptsächlich Lehm und tausenden von Leuchtspänen kann meist nur mit dem Presslufthammer gelöst werden. Der Abbau kann zu Beginn oft nur horizontal vorwärts erfolgen, manchmal sogar aufwärts, also über Kopf, und erst später an ausgewählten Stellen abwärts nach Fundschichten und in der Fläche, wie man es sonst von archäologischen Grabungen kennt. Dadurch entstehen viele Profile. Die verschiedenen Verfüllschichten und damit die Geschichte der Verfüllung ist also hauptsächlich in senkrechten Querschnitten durch die Abbaukammern sicht- und interpretierbar. Ähnliche Situationen hat man z.T. noch in städtischen Ausgrabungen, wo archäologische Reste oft nur in schmalen und tiefen Werkleitungsgräben dokumentiert werden können und man ebenfalls lernen muss, in den Profilen zu „lesen“. 

In den meisten Fällen graben Archäolog*innen aber flächig von oben nach unten (bei grossen Bauprojekten auch mal mehrere Hektaren). So hat man schneller einen Überblick über die erhaltenen Strukturen, der zeitliche Zusammenhang ist aber manchmal schwieriger zu erfassen. Im Salzbergwerk ist viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl nötig, um die komplexen Befunde zu entdecken, gezielt auszugraben und schließlich zu interpretieren und zu rekonstruieren. Umso mehr hat es uns gefreut, dass wir auch beim Schichtabbau, dem feinen Freilegen von Hölzern und Fundobjekten in situ sowie der Dokumentation Hand anlegen durften.

Das Fotografieren der Befunde ist auf dem engen Raum
oft schwierig. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)

Auch das Fotografieren ist unter den herrschenden Lichtbedingungen eine Herausforderung. Um Räume sichtbar zu machen, sind mehrere Lichtquellen bzw. Blitzgeräte nötig (und natürlich Personen bzw. „Fluchtstangen“ als Größenvergleich). Die Dokumentation der Grabung erfolgt zusätzlich in 3D mittels Image Based Modelling aus zahlreichen Einzelbildern. Die planerische Dokumentation und Befundinterpretation auf der Grabung erfolgen dann bereits anhand von aus dem Modell generierten Orthofotos.

Die Methode etabliert sich auch bei uns immer mehr im archäologischen Alltag, es fehlt aber vielerorts noch die Erfahrung, die in Hallstatt schon vorhanden ist. Eindrücklich ist hier die nun bestehende umfassende 3D-Aufnahme sämtlicher Stollen und Werke im Berg und deren Integration in ein einziges großes digitales Modell. So lassen sich Zusammenhänge extrem schnell erfassen, das Vorgehen bei der weiteren Erforschung kann gezielt geplant werden.

Das Modell ist auch zentral für eine der momentanen Forschungsfragen: jene nach der Größe der Abbaukammern und damit des Produktionsumfanges einzelner Zeitabschnitte, konkret hier der späten Bronzezeit. Ergebnisse aus den laufenden Prospektionsarbeiten, u.a. mittels Bohrungen und Geophysik, die dieser Frage nachgehen, werden laufend integriert (wir hatten sogar die Gelegenheit, bei den diesjährigen Geoelektrikmessungen zu assistieren). Für uns ist dies die Richtung, in welche die archäologische Forschung, Dokumentation und Visualisierung generell gehen sollte, und wir nehmen viel Ideen und Inspiration für unsere Arbeit mit (danke Daniel!). 

von Julia Bucher und Svenja Pohl

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