Dienstag, 8. September 2020

Nordwand!

Seit vielen Jahren untersuchen wir die bronzezeitliche Salzabbaukammer an der Fundstelle Christian-von-Tusch-Werk, Alter Grubenoffen. 

3D Dokumentation der Forschungsstollen an der Fundstelle
Christian-von-Tusch-Werk mit rekonstruierter, prähistorischer
Abbaukammer (grün) auf Basis der aktuellen Forschung.
(Bild: D. Brandner - NHM Wien/ Th. Simentschitsch - SAAG)

Durch über 100 m Forschungsstollen und Prospektionsbohrungen haben wir schon eine recht gute Vorstellung über ihre ursprüngliche Größe und Form. Über die Dendrochronologie kann die Laufzeit der Kammer bestimmt werden und je genauer uns das gelingt, desto besser kann die Jahresproduktion kalkuliert werden. An dieser Produktion hängt schließlich auch der Verbrauch an Werkzeugen, Grubenholz und weiteren Betriebsgütern sowie die Größe der notwendigen Transportinfrastruktur, die wir so genau wie möglich rekonstruieren wollen.

Mit schmalen Forschungsstollen wird der
bronzezeitliche Betriebsabfall untersucht.
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)

In einem seit 2015 laufenden Forschungsvorhaben konnte in der vergangenen Grabungskampagne des Naturhistorischen Museums im Salzbergwerk Hallstatt ein wichtiges Zwischenziel erreicht werden. An der Fundstelle Christian-von-Tusch-Werk, Alter Grubenoffen, an der eine bronzezeitliche Abbaukammer aufgeschlossen ist, wird seit nunmehr vier Jahren neben anderen Grabungsaktivitäten an einem kompletten Querprofil durch die Kammer gearbeitet. Konkret wird dabei der am Boden der Kammer liegende bronzezeitliche Betriebsabfall, genannt Heidengebirge, mit einem Forschungsstollen vom einen bis zum anderen Ende durchschnitten, um Informationen über die Geschichte, Entwicklung und Organisation des bronzezeitlichen Bergbaues zu erfahren. 

Der Beginn dieser Arbeiten lässt sich bis an den Anfang der Forschungen an der Fundstelle zurückverfolgen. Von 1992 bis 1999 wurde erstmals ein Querschnitt durch die Kammer angelegt, welcher im südlichen Bereich die gesamte Dicke des Heidengebirges aufschloss, jedoch in der nördlichen Hälfte der durchfahrenen Abbaukammer komplett in Heidengebirge stand, demnach keine Grenzen nach oben oder unten feststellen ließ. 

In den 2000ern wurde das Profil schließlich in diesem Bereich, dem Boden der Kammer (Sohle) folgend, nach unten erweitert. Da zwei Meter tiefer auch noch kein Ende des Betriebsabfalles in Sicht war und große Grubenhölzer ein Weiterkommen erschwerten wurde dieser Vortrieb eingestellt. 2015 wurde der Beschluss gefasst vor der Wiederaufnahme der Arbeiten im Gesenk zunächst die obere Grenze des Heidengebirges, also die letzte Benutzungsoberfläche in der bronzezeitlichen Kammer zu suchen. Gesagt, getan. Der alte Stollen wurde also sukzessive überhöht, bis das obere Ende der Heidengebirgsschichten erreicht war. 

Unser erfahrener Häuer Christoph Jezek beim Vortrieb mit dem Presslufthammer. 3D Dokumentation im entstandenen Stollen. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)

Trotz der Arbeit mit grobem Gerät konnten die Oberflächen
der einzelnen Benutzungsschichten in der Abbaukammer durch
die Vortriebstechnnik im Aufbruch, also von unten nach oben,
sehr gut freigelegt werden. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Mit dem Presslufthammer wurde Jahr für Jahr für einige Meter die oberste Grenze des Heidengebirges verfolgt und viele Kubikmeter desselben abgebaut und zur weiteren Untersuchung ausgefördert. Der Abbau des Materials erfolgte getrennt nach einzelnen Ablagerungsschichten, die sich in Ihrer Zusammensetzung unterscheiden und auf unterschiedliche Aktivitäten innerhalb der Abbaukammer (Abbau, Begehung, Förderung, Zurichtung von Grubenhölzern,…) schließen lassen. Von unten nach oben wurden so die jeweiligen Unterkanten der Schichten freigelegt und dreidimensional dokumentiert, die - miteinander kombiniert – beispielsweise zu Volumensberechnungen und zur Hohlraumrekonstruktion herangezogen werden. Auf dem bronzezeitlichen Betriebsabfall, den gesamten restlichen Hohlraum der Kammer ausfüllend, liegt das Material, welches um 1060 v. Chr. bei einer großen Hangrutschung den Bergbau verschüttet hat. Mit diesen Massen stürzte auch der Schachteinbau aus Plattformen und Stiegen auf den Boden der Kammer und findet sich als weit verstreuter Holzhaufen direkt auf der letzten Begehungsschicht des Heidengebirges.

Nur durch den Einbau von Arbeitsbühnen
konnte die nötige Arbeitshöhe erreicht
werden um die prähistorischen Schichten
zu verfolgen (Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Zu Beginn der Grabungssaison 2019 schien das nördliche Ende der Abbaukammer bereits zum Greifen nah, doch stiegen die Schichten vor der Wand der Abbaukammer stetig an und mehr Material als gedacht musste bewältigt werden. Durch das Einbauen von Arbeitsbühnen wurden die Schichten bis in 4 m Höhe über der Sohle des Nordvortriebes verfolgt. Und am Nordende der Abbaukammer konnte auch deren Wand, sowie der Übergang in den Zentralschacht freigelegt werden. Direkt unterhalb der Schachtwand, auf einer Begehungsschicht abgestellt, konnten zwei vollständig erhaltene, bronzezeitliche Holzkübel (wir berichteten) entdeckt werden. Durch das Erreichen der nördlichen Wand konnte ein erster kompletter Querschnitt durch die oberen Bereiche der Kammer bzw. durch deren letzten Begehungshorizont angelegt werden. Durch die Datierung einzelner Leuchtspäne und Hackscharten aus den Schichten mittels Dendrochronologie (BOKU) ist es möglich die Ablagerungen jahrgenau zeitlich einzuordnen. Während wir also nun die letzten 60 Betriebsjahre der bronzezeitlichen Abbaukammer sehr genau rekonstruieren können, fehlen genauere Daten über deren ältere Geschichte.

Genau deshalb beginnen wir mit diesem Jahr die Instandsetzung des nach unten, in ältere Schichten, führenden Teiles des Querschnittes. In einem ersten Etappenziel muss nun der bestehende Stollen wiedergewältigt werden um dann weiter in die Tiefe gehen zu können. Durch die Gewinnung von durch die Dendrochronologie datierbarem Material wird es in den nächsten Jahren möglich sein, die frühen Betriebsphasen der Abbaukammer näher zu erforschen und die Verbindung mit den bekannten Fundstellen der Nordgruppe (Grüner-Werk, Appold-Werk) näher unter die Lupe zu nehmen.

von Daniel Brandner

Aus der 3D Dokumentation exportierter Süd-Nord Querschnitt durch die bronzezeitliche Abbaukammer. Der rot eingezeichnete Bereich wird einer der Forschungsschwerpunkte der nächsten Jahre sein. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)

 

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