Sonntag, 12. September 2021

Alle Jahre wieder - Warum ist Hallstatt ein bewahrens- und erforschenswerter Ort?

Ein Jahr später und ich bin wieder im Bergwerk in Hallstatt. Die Arbeiten im Christian-von-Tusch- Werk haben nach Beendigung der letzten Kampagne Pause gemacht und geduldig auf uns gewartet. Umso ungeduldiger hatte ich gewartet, hier wieder zwei Wochen voller unglaublicher Funde, spannender Diskussionen und wunderschöner Natur zu verbringen.

Viele Meter unter der Erde, umgeben von prähistorischem Betriebsabfall
- aber wozu? (Foto: D. Brandner - NHM Wien)

Frei nach Simonys Reiseberichten zum Dachsteinplateau: Die Zeit hier wirkt immer, wie aus der Welt gegriffen.
Abends, wenn man ins Hochtal aufgeht, streicht einem der kühle Plassenwind um die Nase und der Duft vom Bergwerk liegt schon fast in der Luft. Der Mars scheint hell in der Nacht und wenn man Glück hat, wird man von einem Steinkauz begrüßt. Letztes Jahr schrien noch zwei um die Wette. Doch anscheinend hat einer das Hochtal für sich behauptet und der andere musste weiterziehen. Ein glücklicher Vogel, der hier leben kann.

Das Hallstätter Hochtal bei Nacht - die Zeit des Käuzchens.
 (Foto: D. Brandner - NHM Wien)


Dies und all die anderen faszinierenden Eindrücke des letztes Jahres hatte ich natürlich Zuhause Freund*innen erzählt. Wir können hier rekonstruieren, wie die Bergleute vor bis zu 3000 Jahre gelebt und gearbeitet haben. Wir wissen, was sie gegessen und wie sie sich gekleidet haben. Wir können Teile ihres Alltags verstehen und wir können feststellen, dass sie schlaue und einfallsreiche Personen waren, die für fast jedes Problem eine innovative und praktikable Lösung gefunden haben.
Dieses so gut konservierte Fenster in die Vergangenheit ist für mich absolut begeisternd. Für die Mutter einer Freundin, der ich von meiner Arbeit hier erzählte, eher nicht. Sie fragte direkt: "Ja und was bringt uns das heute? Warum macht ihr das überhaupt? Weiß man denn nicht schon genug? Warum ist Hallstatt ein bewahrens- und erforschenswerter Ort?"

Für mich war der Grund Archäologin zu werden die Neugier. Ich wollte wissen, wie Leute in der Vergangenheit gelebt haben, wo wir herkommen und wie sich unsere Gesellschaften und Kulturen entwickelt haben. Aber was bringt es die Menschheit weiter, zu verstehen, wie an irgendeinem Ort in den Alpen von circa 3000 Jahren Salz abgebaut wurde? Warum sollten wir Jahr für Jahr in Stollen herumkriechen und kübelweise Gatsch bewegen? Da reicht reine Neugier irgendwann als Rechtfertigung nicht mehr aus. Es gibt aber auch sehr viele, sehr sinnvolle Antworten auf diese Frage.

Eine liegt darin, dass die Menschen hier nicht nur VOR 3000 Jahre Salz abgebaut haben, sondern auch kontinuierlich FÜR mehrere Jahrhunderte. Es können durch archäologische Untersuchungen und die Analysen der verschiedenen Umweltarchiven mehrere Katastrophenereignisse gefasst werden, die die Abbaukammern völlig verfüllten und auch Übertage einiges zerstörten. Doch die Hallstätter ließen sich nicht vertreiben und bauten innerhalb weniger Jahre an einer anderen Stelle wieder Salz ab. Es handelte sich hier also um einen Industriebetrieb, der scheinbar über mehrere Jahrhunderte hinweg stabil ist und zudem resistent gegenüber Umweltkatastrophen war. Zu verstehen wie dies möglich ist wäre doch gerade in Anbetracht der Wetterlagen dieses Sommers eine gute Antwort.

Eine weitere schöne Antwort ist, dass man in Hallstatt die älteste Einwegverpackung der Welt finden kann. Vieles, was für den Transport verpackt wurde, wurde mit Bastschnüren verschnürt, die danach weggeschmissen wurden. Damit könnten Ansätze gefunden werden, wie wir das Plastikmüllproblem verbessern können.

Im Hochtal von Hallstatt findet über Jahrtausende hinweg ein sehr intensiver Abbau von Salz statt und heute wirkt es auf den ersten Blick wie ein wunderschöner Flecken Natur. Die Art und Weise, wie hier während des Betriebes mit der Umwelt umgegangen wurde, hat diese nicht völlig zerstört, so wie es heute von modernen Industriebetrieben bekannt ist. Auch um zu verstehen, wie dies funktionierte, lohnen sich intensive Forschungen.

Hier in Hallstatt kann man erfahren, vor welche Herausforderungen die Menschen in der Vergangenheit gestellt wurden und wie sie diese gelöst haben. Die gleiche Gesellschaft hat hier über hunderte Generationen gearbeitet, hat ihre Methoden verbessert und sich durch Umwelt- und andere Katastrophen nicht vertreiben lassen. Sie haben, trotz widrigster Umstände (der kühle Plassenwind in der Nacht ist wirklich kühl) Jahrhunderte lang nicht nur überlebt, sondern sich zu einer der reichsten Kulturen ihrer Zeit entwickelt. Um zu verstehen, wie sie das geschafft haben, lohnt es sich, jeden Tag in einen Stollen zu kriechen und sich stundenlang durch Gatsch zu wühlen.                                    

Die Autorin an der Funndrutsche, hin und weg vom
gatschigen Fundmaterial. (Foto: D. Brandner - NHM Wien)


Das waren ein paar der möglichen Antworten, warum es sich lohnt, hier immer weiter zu forschen. Leider sind meine zwei Wochen schon wieder vorbei. Jetzt heißt es für mich „pfüat eich“ zum Bergwerk und zu Hallstatt zu sagen. Bis zum nächsten Jahr.


von Svenja Pohl 

 





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