Donnerstag, 15. September 2016

Hut, Stock, Ziegensack - Eine Wanderung auf alten Spuren

Die Rekonstruktion des Ur-Rucksacks
ist einsatzbereit
(Bild: D. Breineder - NHM Wien)
Es ist inzwischen meine 4. Woche am Salzberg in Hallstatt. Die Arbeit ist abwechslungs- und ereignisreich. Egal, ob bei der Ausgrabung im bronzezeitlichen Bergwerk oder an der Waschanlage bei der Suche nach Funden, zu tun gibt es immer etwas. Und so hat sich auch die Fertigstellung des eisenzeitlichen Rucksackes nicht zuletzt durch kurze Krankheit verzögert.

Verärgert über den Umstand, im Bett bleiben zu müssen, lese ich in meinem liebgewonnen Buch „Salz - Reich: 7000 Jahre Hallstatt“. Neben den Abhandlungen zu den archäologischen Befunden, richte ich meine Aufmerksamkeit auf das Kapitel Forschungsgeschichte, die in Hallstatt eine lange Tradition hat und hochinteressant ist.

Beim Durchforsten der diversen Lebensläufe früherer Hallstattforscher stoße ich auf Friedrich Morton. Friedrich Morton (1890 – 1969) unternahm als Biologe und Archäologe in den 20er und 30er Jahren zahlreiche Auslandsreisen, unter anderem nach Venezuela, Guatemala und Ägypten.  Als „zuagroaßter Hallstätter aus Passion“ beschrieben, der jede freie Minute nutzte, um nach Hallstatt zu kommen, schmunzle ich über ein Foto von ihm, auf dem er mit Hut und Hosenträgern bei der Jause sitzend zu sehen ist.


Ich komme nicht umhin, mir auch seinen Jagdrucksack anzusehen, und mir fällt auf: dieser Trageriemenbefestigung kommt mir irgendwie bekannt vor. Nach kurzer Recherche wird klar: diverse hallstattzeitliche Ziegensäcke sind an ihren Fußenden in ähnlicher Weise zu einer Art Knebel  zusammengebunden. 
Friedrich Morton bei der Rast
während einer Almwanderung
(Bild: Museum Hallstatt)
Dem Bett wieder nach wenigen Tagen wieder gesund entstiegen, mache ich mich mit Handwerksfreude und Wanderlust auf, den Rucksack in ähnlicher Weise fertigzustellen, denn Trageriemen fehlen beim Fund leider vollständig. Der Rohhautrucksack ist nun, noch eingesalzen und nicht vollkommen trocken, für einen ersten Testlauf einsatzfähig!

Die Wanderung folgt am Wochenende. Ich bepacke meinen Rucksack mit Regenjacke, Weste, Ersatzhemd, Proviant (anstelle einer Spanschachtel dient eine Packung Eckerlkäse), einen Liter Wasser und einem Notizbuch. Um nicht alles mit Ziegenduft zu parfümieren, tue ich diese zuvor allerdings in einen Plastiksack.

Es geht auf in Richtung Dammwiese, wo Morton zuletzt 1937 auf späteisenzeitliche Überreste gestoßen ist. Rücken an Rücken marschiere ich mit der Ziege auch gerne etwas abseits der Pfade durch Wälder und mache leichtere Kletterpartien. Bei einigen kleineren Pausen öffne und schließe ich den Rucksack und verändere die Riemenlänge. Nach und nach gewöhne ich mich an dieses ungewöhnliche Behältnis, das, zu meiner großen Überraschung, gemütlicher und praktischer ausfällt, als ich zunächst annahm.

Auf meinem weiteren Weg in Richtung Durchgangsalm, treffe ich auf neugierige Radfahrer in modernster Outdoorausrüstung. Sie bleiben kurz stehen, um mich nach meinem ungewöhnlichen Behältnis am Buckel zu befragen. Ich unterbreche meine Wanderung und stehe ihnen Rede und Antwort.  
Erste Wanderung mit dem
Ziegensack
(Bild: D. Breineder - NHM Wien)

Vor einem steilen Aufstieg mache ich Jausenpause auf einer Almwiese. Das Wetter ist weiterhin stabil und
angenehm sonnig, außer mir kein anderer Mensch. Über eine alte Holzhütte blicke ich auf den schönen Dachstein. Dass Morton gerade hier gerne geforscht hat, kann ich gut verstehen. Auch ich bleibe an den Wochenenden lieber hier, als zurück nach Wien zu fahren. Ich komme nach kurzer Anstrengung auf ein Hochplateau.

Abwechselnd komme ich an kleinen Scharen von Rindern und Pferden vorbei. Am Ende ein weiter Ausblick auf Almhütten und eine große Schafherde in einiger Entfernung. Der Klang von Kuhglocken war über dem ganzen Plateau wahrzunehmen.  Auf dem Rückweg gönne ich mir noch ein paar kleinere Rutschpartien über steile Wiesen und etwas Waldboden. Auch hier versagt mir meine Rekonstruktion nicht.

Kurz vor Ende meiner Wanderungen – wie schnell doch 6 Stunden vergehen - mache ich nochmals auf der Dammwiese halt. Etwas müde blicke ich auf den neben mir stehenden Ur-Rucksack, der mir heute gute Dienste geleistet hat. Noch ist es zu früh, mit Bestimmtheit zu sagen, ob die Abnutzungserscheinungen der Rekonstruktion mit dem Original übereinstimmen werden. Doch eines ist gewiss: nicht schlecht, so ein Ziegensack!
von Daniel Breineder
Das Panorama der Dachstein Region um Hallstatt hat schon so manchen begeistert
(Bild: D. Breineder - NHM Wien)


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