Donnerstag, 19. Mai 2016

Von alten Schriften und neuen Ideen – Der bronzezeitliche Bergbau im Appoldwerk

12. Feber 1879: „Nach vollständiger Ableerung des Werkes war an der linken Ulm desselben in einer Länge von 50 Metern Tagletten untermischt mit verschieden großen Kalksteinen, angebrannten Holzspännen, u. runden Bauholz- oder Rüstholz, nebst einem Zusickern von vollgrädiger Salzsoole zu beleuchten.“, so lautet ein Eintrag im Werkerfaszikel des Appoldwerkes.

Der Bericht über die Ausgrabung im Appoldwerk
an das K. K. Finanzministerium
Und mit diesem Eintrag beginnt auch eine der ältesten und am Besten dokumentierten Untersuchungen eines prähistorischen Grubenbaus im Hallstätter Salzbergwerk. Den beiden Verantwortlichen seitens der Saline, Josef Stapf und Bartholomäus Hutter, ist es zu verdanken dass nicht nur ein ausführlicher Bericht über den Zustand des Laugwerkes an die vorgesetzte Behörde verfaßt, sondern auch, dass dieser Aufschluss durch mehrere Stollen in verschiedene Richtungen erstmals systematisch untersucht und durch Isidor Engl in Plänen festgehalten wurde. 

Die Dokumentation der 1879/80 durchgeführten Ausgrabung ist selbst heutzutage durch ihre Detailgenauigkeit immer noch vorbildlich zu nennen. So werden nicht nur die aufgefundenen Artefakte genauestens beschrieben. Auch der Verbruch, das eingedrungene Tagmaterial und der Verlauf des vorgeschichtlichen Baues wurden untersucht. 

Obwohl das Werk schon 1890 nicht mehr zugänglich war, kann mithilfe dieses Berichtes das Appoldwerk mit anderen Fundstellen verglichen werden. Die jüngste Bearbeitung erfolgte durch Fritz Eckart Barth und Wolfgang Neubauer und liegt in der Publikation Appoldwerk Grabung 1879/80 aus dem Jahr 1991 vor.
Wird der Grubenbau im 19. Jahrhundert noch als keltisch beschrieben, so wissen wir heute, dass das Appoldwerk zur sogenannten Nordgruppe gehört und damit in die Bronzezeit zu datieren ist.

Nachgewiesene (dunkelgrün) und
vermutete (hellgrün) Baue
im Bereich des Appoldwerks
(Bild: NHM Wien)

Angeregt durch frisch gewonnene Erkenntnisse aus dem Christian von Tusch Werk, welches ebenfalls in die Bronzezeit datiert, sah ich mir die alte Publikation nochmal an, in der Hoffnung dort Hinweise zu finden die uns bei unserer derzeitigen Ausgrabung helfen könnten. Welche Gemeinsamkeiten gibt es, worin unterscheiden sich diese beiden Fundstellen, welche Beobachtungen wurden damals gemacht, die wir vielleicht übersehen haben und hatten die beiden Ausgräber möglicherweise Ideen oder hatten sie Fragen die wir uns bisher nicht gestellt hatten? 

Nach einem genaueren Blick auf die Pläne erfolgte schon mal das erste große Aha-Erlebnis. Da sind doch eindeutig Stiegenteile im Schachtverbruch. Im Text werden sie gar nicht beschrieben, gleichen aber eindeutig den im Christian von Tusch Werk gefundenen Auftritt- und Distanzbrettern. Also beschränkt sich diese Technologie nicht nur auf eine Fundstelle. 

Außerdem ist dieser Holzhaufen um ein vielfaches größer als der im Tusch Werk. Stapf und Hutter gingen davon aus dass sich der Schacht durchgehend bis auf die Oberfläche zog, auch Barth vertritt mehr als hundert Jahre später diese Meinung. Dafür ist der Verbruch in unserer heutigen Grabungsstelle viel zu klein. Die gefundenen Bauhölzer und Stiegenteile reichen gerade mal für drei bis vier Plattformen im Schacht und dieser ging sicher nicht durchgehend bis an die Oberfläche, wahrscheinlich gerade mal bis zur zwölf Meter darüber liegenden Abbauhalle. 

Während wir im Tusch Werk auf eine große Abbauhalle treffen so wurde das Salz im Appoldwerk in schlauchförmigen Vortrieben, ausgehend vom Hauptschacht, abgebaut mit „nur“ sieben Meter Breite und einer Mindestlänge von zwölf Metern. Grund für diesen Unterschied ist, dass sich das Tuschwerk in salzreicherem Gebirge befindet und die alten Bergleute dadurch die Möglichkeit hatten gewaltige Galerien aufzufahren, während sie sich im Appoldwerk durch salzarmes Gebirge arbeiten mussten und den gefundenen Kernsalzzügen folgten. Die bronzezeitlichen Bergleute passten sich also der Situation im Gebirge an.

Nachgewiesene (dunkelgrün) und
vermutete (hellgrün) Baue
im Bereich des Christian von Tusch Werks
(Bild: NHM Wien)
Das sind nur ein paar wenige Beispiele wie uns ältere Forschungsarbeiten dabei helfen können das Gesamtbild Hallstatt besser zu verstehen oder uns einen anderen Blickwinkel auf die Fundumstände gewähren. Es zeigt uns auch, wie wichtig eine gute Dokumentation der Grabung ist. Auch nach mehr als 130 Jahren findet der Bericht des Appoldwerks noch Verwendung in unserer Forschung. 
Moderne Methoden, andere Denkansätze und zusätzliche Entdeckungen verändern laufend unser Bild des prähistorischen Bergbaus. Trotzdem zahlt es sich aus einen Blick nach hinten zu werfen und alte Untersuchungen neu zu überdenken. Wir können ja nie wissen, wie viel daraus zu lernen ist und wir sollten nie vergessen dass unsere moderne Forschung auf der alten aufbaut. 

Gern würde ich mir mein eigenes Bild über das Appoldwerk machen, da aber leider der Berg Stück für Stück die Fundstellen unzugänglich macht, ist das leider nicht mehr möglich und die Pläne, Zeichnungen, Beschreibungen und die wenigen Funde sind das Einzige, was übrig geblieben ist von einer der faszinierendsten bronzezeitlichen Fundstellen. 

Umso wichtiger ist es, die noch Zugänglichen für die Zukunft zu erhalten. Vielleicht kann dann in 130 Jahren ein Archäologe mit unserer Dokumentation an genau derselben Stelle stehen, wo wir arbeiten und mit neuen Ideen, neuen Methoden, neue Fragestellungen genau dort ansetzen wo wir aufgehört haben. Aus alt mach neu, wie man so schön sagt. 

(von Christian Seisenbacher)

Plan des prähistorischen Grubenbaus im Appoldwerk angefertigt von Isidor Engel 1880 (Bild: NHM Wien)

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