Dienstag, 5. Mai 2015

Von Ringen und Daten – Ein Interview mit Michael Grabner von der BOKU Wien

Michael Grabner beim Beproben
der Hallstätter Stiege.
(Bild: NHM Wien)
Michael Grabner forscht am Institut für Holztechnologie und Nachwachsende Rohstoffe der BOKU Wien. Seit 2002 leitet er die Untersuchungen zur Holztechnologie an den Hölzern aus dem Hallstätter Salzberg. Durch die Übersiedlung der Stiege in die neue Schaustelle der Salzwelten Hallstatt hatte er die Gelegenheit, dieses außergewöhnliche Zeugnis der Technikgeschichte ganz genau unter die Lupe zu nehmen. Letzte Woche habe ich ihn gebeten, mir zu erklären, was er genau mit den Hölzern aus dem Salzberg von Hallstatt macht und was an ihnen so besonders ist.

CL: Michael, wir haben den Begriff "Jahrringanalyse" hier schon oft verwendet. Wie funktioniert diese Methode?
 

MG: Im Grundprinzip ist es ein Vergleich von Jahrringbreiten-Serien, die aus den Jahrringbreiten von vielen Hölzern gebildet werden. Es ergibt sich ein Muster von breiten und schmalen Jahrringen ausgelöst durch gute und schlechte klimatische Jahre. Die Hölzer  müssen dafür allerdings mindestens eine Abfolge von 30-50 Jahrringen aufweisen. Dann können Datierungen jahrgenau vorgenommen werden.

CL:  Die Hölzer aus dem Hallstätter Bergwerk sind ja sehr gut erhalten, erleichtert das die Jahrringanalyse?
 

MG: Ja, das erleichtert die Analyse natürlich sehr, weil auch das Beproben sehr unproblematisch ist. Bei den Holzfunden z. B. aus Feuchtböden, in denen sich Hölzer in der Regel ja auch recht gut erhalten, bedingt die Analyse oft die Zerstörung des Fundobjektes. Außerdem ist bei den Hölzern aus dem Hallstätter Bergwerk auch die Holzart leicht erkennbar und das Messen sehr einfach.
 

CL: Wir haben ja im Blog schon über die Untersuchung der Stiegenteile im CT berichtet. Habt Ihr die Hölzer der Stiege anders untersucht als die anderen Hölzer aus dem Bergwerk?
 

MG: Ja und nein, wir haben auch die Stiege schon in der üblichen Weise beprobt, indem wir kleine Bohrungen gemacht haben. Durch die Demontage ergab sich aber die Möglichkeit, sich wirklich alle Stücke anzuschauen. Wir wollten möglichst zerstörungsfrei vorgehen und haben deshalb nach einer neuen, alternativen Methode gesucht. Die im CT erreichbare Auflösung war aber leider weniger gut als erhofft. Vor allem ganz schmale Ringe haben wir darin mitunter gar nicht erkennen können.

CL: Die Jahrringanalyse beruht ja auf Vergleichen mit anderen Kurven. Passen die Hölzer aus Hallstatt dort gut hinein?
 

MG: Nicht unbedingt, da gibt es mehrere Schwierigkeiten. Zum einen gibt es für diesen Zeitraum kaum chronologische Vergleichsreihen. Zwar gibt es eine vom Dachstein, aber die besteht aus Hölzern von der Waldgrenze und darüber. Diese hochalpine Kurve besteht zudem ausschließlich aus Lärchenholz.

CL: Reagieren die verschiedenen Holzarten denn so unterschiedlich auf klimatische Veränderungen?
 

MG: Sie reagieren geringfügig unterschiedlich. Das führt zu feinen Unterschieden in den Kurven und macht den direkten Vergleich schwieriger. 

CL: Für die Hallstatt-Hölzer gibt es also keine exakt passende Vergleichsreihe?
 

MG: Es gibt sowohl hochalpine als auch Tieflagenchronologien, z.B. die Tiroler Zirbenkurve oder die Süddeutsche Eichenchronologie. Hallstatt ist aber weder hochalpin noch Tiefland. Hallstatt hat außerdem eine kleinräumige klimatische Sondersituation, wie wir von den historischen Hölzern aus diesem Gebiet wissen. 

CL: Stammen diese historischen Hölzer auch alle aus dem Bergwerk?

MG: Viele schon, aber nicht alle. Wir haben zum Teil auch Hölzer aus historischen Gebäuden untersucht, z. B. aus Gosau.


CL: Dann ist es also nicht so leicht, für die Stiege ein zuverlässiges Datum zu ermitteln?

MG: Nein, aber diese Faktoren waren bei der Stiege nicht das größte Problem. Das bestand nämlich vor allem in der Kürze der Jahrringreihen der Stiegenhölzer. Viele Stücke haben unter 30 Ringe und sind damit für diese Analyse nicht geeignet. Viele andere Hölzer der Stiege haben zwischen 30 und 50 Jahrringen und liegen damit gerade an der Grenze des Auswertbaren. Das größte Stück bei der Stiege hat übrigens rund 100 Jahrringe.


CL: Wenn die Hölzer aus Hallstatt so speziell sind, haben sie dann für die Forschung im Allgemeinen überhaupt eine Bedeutung oder sind sie aufgrund des speziellen Klimas nur von lokaler Bedeutung?
 

MG: Nein, sie haben definitiv eine überregionale Bedeutung, denn sie liefern eine lange chronologische Reihe, die dann eine solide Vergleichsbasis für andere Forschungen bietet.

CL: Wie viele Hölzer aus Hallstatt habt Ihr schon untersucht?
 

MG: Ich weiß es nicht genau. Ich schätze, über 2000 Stücke werden es inzwischen schon gewesen sein.

CL: Was war das Beeindruckendste, was Ihr bislang mit den Hallstatt-Hölzern erlebt habt?
 

MG: Der gute Erhaltungszustand beeindruckt uns immer wieder aufs Neue. Die Datierungen selbst sind für uns in der Regel weniger spektakulär. Durch die Erkenntnisse aus der Archäologie wissen wir ja  in der Regel schon vorher, in welchem Zeitfenster wir uns bewegen.

(Von Carmen Löw)
Hölzerne Werkzeugstiele aus den prähistorischen Bergwerken von Hallstatt.
(Bild: A. W. Rausch - NHM Wien)
 

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