Dienstag, 14. April 2015

Ehrlich drumherum geschummelt – Ein Interview mit Dominic Groebner

Dominic Groebner
(Bild: H. Reschreiter -
NHM Wien)
Die Lebensbilder der Hallstatt-Forschung finden in der Wissensvermittlung sehr gerne Verwendung. Sie bilden unter anderem auch die Grundlage für jene Rekonstruktionen und Animationen, die im künftigen Bronzezeit-Kino der Salzwelten Hallstatt zu sehen sein werden.

Seit über 10 Jahren werden die Lebensbilder von Dominic Groebner gezeichnet. Dominic ist diplomierter klassischer Maler und war viele Jahre für die Akademie der Wissenschaften und für den Österreichischen Bundesverlag tätig, bevor er sein Können der Hallstatt-Forschung zur Verfügung stellte. Auch an Rekonstruktionsarbeiten von Baudenkmälern in Ephesos und Troja hat er mitgewirkt. Als er neulich zur Besprechung des Lebensbildes für den bronzezeitlichen Bergbau im Naturhistorischen Museum war, habe ich die Gelegenheit genutzt und Dominic zu seiner Arbeit für die Hallstatt-Forschung interviewt. 

CL: Dominic, wie muss man sich den Weg von der Idee zum Bild genau vorstellen? Wie läuft das ab? 

DG: Normalerweise treffe ich mich mit dem jeweiligen Wissenschaftler bzw. der Wissenschaftlerin zu einer Besprechung. Wir klären dann, was genau auf dem Bild drauf sein soll und entwickeln gemeinsam eine erste Skizze. 

CL: Ist es für Dich immer gleich verständlich, was die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gezeichnet haben möchten? 

DG: Nun ja, es gab schon einige Male die Situation, dass es etwas schwieriger wurde. Zum Beispiel finden die Archäologen Reste eines Werkzeugs, wie etwa eine Klinge aus Stein oder Metall. Die ist dann oft zerbrochen oder stark korrodiert. Für einen nicht-Spezialisten ist da kaum etwas erkennbar. Dann erarbeiten die Wissenschaftler in Theorie die Rekonstruktion des ganzen Werkzeugs mit Stiel und entwickeln eine These, wie und wofür dieses verwendet wurde. Das bitten sie mich dann darzustellen. Bei den Lebensbildern kommen an diesem Punkt meine Fragen, die für die Darstellung ganz logisch und zwingend sind, die sich die Archäologen aber sehr oft in ihrer theoretischen Herangehensweise bis dahin nicht gestellt haben: Wer bedient das Werkzeug? Ein Mann? Eine Frau? Ein Kind? Und in welchem Alter? Man kann ja keine Person ohne Geschlecht und ohne Alter darstellen. Da gibt es oft längere Nachdenkprozesse und Stirnfalten. Um die Beantwortung dieser Fragen kommt man aber nicht herum, das Bild zwingt einen dazu. 

CL: Also, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bringen nicht nur Dich zum Grübeln, sondern das gelingt Dir auch mit Ihnen? 

DG: Ja, manchmal ist das auch durchaus lustig. So hat mir einer der Archäologen mal eingeschärft, dass der Fingerling, den ein Arbeiter beim ersten Bild zum eisenzeitlichen Salzabbau trägt, aus ungegerbtem, nicht aus gegerbtem Leder besteht. Das Ding war auf dem Bild ca. vier Millimeter lang und schmutzig-braun. Er war da so in sein eigenes Wissen vertieft, es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass man das in dieser Darstellung überhaupt nicht zeigen kann. 

Lebensbild zum bronzezeitlichen Bergbau,
Version des Jahres 2008. (Bild: D. Groebner
- H. Reschreiter - NHM Wien)
CL: Über Bekleidung, Physiognomie usw. hat die Forschung ja ganz allgemein zahlreiche Erkenntnisse zusammengetragen, auf die Ihr Euch stützen könnt bei der Erstellung des Lebensbildes. Für alles, was Ihr in den Zeichnungen darstellen müsst, gibt es aber keine Vorbilder. Wie geht man damit um? 

DG: Es ist immer wieder eine spannende Frage, wie man mit den Aspekten im Bild umgeht, die man nicht kennt. Bei den Leuchtspänen zum Beispiel weiß man, dass sie manchmal mit den Zähnen gehalten wurden, denn es sind ja auf einigen von ihnen Zahnabdrücke. Trotzdem muss es auch Halter und Befestigungen gegeben haben. Diese wurden aber vielleicht noch nicht gefunden oder – und das ist ja auch möglich – vielleicht einfach noch nicht erkannt. Sowas versuche ich dann in der Darstellung ein wenig zu verdecken, damit nichts auf dem Bild zu erkennen ist, worüber wir wirklich nichts wissen. „Ehrlich drumherum schummeln“ nenne ich das. 

CL: Die Leuchtspäne waren ja im letzten Lebensbild schon dargestellt. Gibt es in der Version des Lebensbildes, an der Du gerade arbeitest, dafür auch ein Beispiel? 

DG: Ja, die Arbeitsplattform. Wir glauben inzwischen, dass am Ende der Stiege eine Plattform war und dass es da auch eine Holzwinde gegeben haben dürfte. In den ersten Bildern hatte ich die Verankerung der Winde dargestellt. Weil man aber über das Aussehen der Verankerung noch gar nichts weiß, haben wir beschlossen, sie so aus dem Bild zu rücken, dass man nicht sehen kann, wie sie befestigt ist. 

CL: Wie viele Versionen des Bildes braucht es bis zum Endergebnis? 

DG: Das ist unterschiedlich. Für das neue Bild zum bronzezeitlichen Bergbau wurden etwa 10 Skizzen gemacht. Dann gab es eine Vorzeichnung und nun arbeite ich an der Umsetzung des Ergebnisses in Aquarell- und Gouachetechnik. 

CL: Zeichnest Du immer in Aquarell- und Gouachetechnik? 

DG: Wenn ich für die Hallstatt-Forschung arbeite, dann ja. Für andere Projekte arbeite ich auch gerne mit aquarellierten Tuschezeichnungen. Für Mauerwerk eignet sich eine solche Technik zum Beispiel besonders gut, aber das war für die Lebensbilder der Hallstatt-Forschung bislang nicht nötig. 


Eine der ersten Skizzen zum neuen Lebensbild für den bronzezeitlichen Bergbau.
(Bild: D. Groebner - H. Reschreiter - NHM Wien)
Dominic hat mir im Zuge unseres Interviews gesagt, dass das neue Lebensbild zum bronzezeitlichen Bergbau bald fertig sein wird. Wir freuen uns schon darauf, es hier zu zeigen.
 
(Von Carmen Löw)

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