Donnerstag, 3. Juli 2014

Ende April 2014: Das Risiko der Namensgebung oder: der Untergang einer Theorie

Wie viele Fragen sich bei der genaueren Betrachtung der Stiegenteile aus dem Hallstätter Salzberg aufwerfen und wie viele mögliche Gedankenmodelle sich auftun ist kaum zu glauben. Im Eifer des Gefechts fällt es daher oft schwer, sich nicht auf eine Interpretation zu versteifen. Denn wenn eine Idee zu einer bestimmten Beobachtung einen einmal gepackt hat, lässt man sie sich natürlich ungern wieder ausreden (was bei unserem zumindest dreiköpfigen Team während der Aufnahme zu durchaus hitzigen Diskussionen führt). Doch je mehr verschiedene Stiegenteile wir in Händen halten, desto mehr Möglichkeiten der Interpretation bieten sich an, je nach dem unter welchem Gesichtspunkt man es gerade betrachtet.

Ob es sich bei den vorläufig als „Putzspuren“ bezeichneten Abnutzungen der Bretter tatsächlich um Spuren von einer Reinigung der Stiege handelt? Haben die „Markierungen“ genannten Dreiecke und Hacker wirklich die ihnen von uns zugeschriebene Bedeutung? Generell ist das so eine Sache mit den Namen. Einem Detail einen Namen zu geben kann voreilig sein. Denn jeder Name erzeugt ein Bild, das je nach Herkunft, Kultur, Alter und unzähligen anderen Faktoren variieren kann. In unseren Breiten hat man bei dem Wort „Stiege“ sofort das Bild einer Konstruktion aus mindestens zwei, in Seitenteile eingepassten, waagrecht stehenden Stufen vor Augen. Dass dies nur der Standard der heutigen Zeit in Mitteleuropa, oder genauer, in Österreich, ist (in Deutschland beispielsweise kann man mit dem Begriff „Treppe“ wesentlich mehr anfangen) wird dabei meist nicht bedacht.


Die Hallstätter Stiege im Tiefspeicher des
Naturhistorischen Museums Wien.
Genauso gehen wir, wenn die Interpretation einer - wie auch immer bezeichneten - Steighilfe einmal gefallen ist, davon aus, dass sie genau so beschaffen ist, wie wir uns nun mal eine Stiege vorstellen. In diesem speziellen Fall offenbar unberechtigt. Gingen wir bis vor kurzem davon aus, dass die bronzezeitlichen Bergleute, wie bei uns heute üblich, flach auf waagrecht stehenden Stufen spazierten, so zeigen die Auftritte an der Vorderkante deutlich stärkere Abnutzung als auf der Fläche. Sie steckten also mit nach oben stehender Vorderkante in den Wangen und die Bergleute gingen direkt auf der Kante. Wenn man mit unserer Art Stiegen zu steigen aufgewachsen ist, einfach kaum vorstellbar. So schnell ist also eine Theorie die man jahrelang im Brustton der Überzeugung preisgab dahin. Herzlichen Dank Richard Darrah! Dafür, dass er unsere Theorie in Grund und Boden interpretierte und  damit Raum für eine gedankliche Weiterentwicklung und eine Menge neuer Möglichkeiten schuf.

Hieraus ergeben sich natürlich wieder neue Fragen: Wie gingen die bronzezeitlichen Bergleute über die Stiege? Gerade, seitlich oder ganz anders? Wie kommen partiell auch flächigen Beanspruchungen zu Stande? Wie viele Leute mussten in welchem Zeitraum über die Stiege gehen um einen Abschliff von dieser Intensität zu erzeugen? Kann man daran ablesen wie groß die darunter gelegene Abbauhalle war und wie viel Salz daraus gefördert wurde?
Ein erster Schritt zur Beantwortung dieser Fragestellungen wird die Auswertung der technischen Aufnahme und der genaue Vergleich aller Hölzer sein. Außerdem brennen wir darauf, durch verschiedene Experimente einen Einblick in die Benützung der Stiege zu bekommen. Schon jetzt kann ich keine Holztreppe mehr betreten, ohne ihren Abschliff zu analysieren. Aber jeder braucht seinen Spleen... 


(Von Fiona Poppenwimmer)

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